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	<title>Nachdenkliches Archive - Stephan Heider</title>
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	<title>Nachdenkliches Archive - Stephan Heider</title>
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		<title>Hannah</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 Mar 2026 14:14:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Emotionales]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Nachdenkliches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ihre Seele ächzte unter der Last dieses Fehlers, den sie vor sechzehn Jahren gemacht hatte. Sie stützte tapfer ihre Mutter,</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/hannah/">Hannah</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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<p>Ihre Seele ächzte unter der Last dieses Fehlers, den sie vor sechzehn Jahren gemacht hatte. Sie stützte tapfer ihre Mutter, deren Körper unter den Weinkrämpfen bebte, so wie jedes Jahr an diesem Ort.</p>



<p>„Geboren um zu Leben“ sang der Graf vom Band und schnitt damit gnadenlos die fragile Schutzhaut von der seelischen Wunde, die niemals heilen würde. In den ersten drei Jahren kam er noch persönlich zur Trauerfeier, um bei den Angehörigen zu sein. Es war ihm eine Herzensangelegenheit. </p>



<p>Die Gedenkstätte mit Hannahs Namen und denen der anderen Opfer war herausragend gepflegt. Niemals würden die Eltern und Geschwister sie aufgeben, auch wenn die Stadt sich noch so sehr bemühte, den Hinterbliebenen einen anderen Ort schmackhaft zu machen, um endlich mit der Bebauung des ansonsten herunter gekommenen Geländes zu beginnen. </p>



<p>Hannah und Katrin, die Zwillinge, hätten in diesem Jahr ausgelassen ihren vierunddreißigsten Geburtstag gefeiert. Wenn Hannah nicht tot wäre. Erdrückt am Fuße dieser Treppe.</p>



<p>Eigentlich war Hannah die Vernünftige der beiden und Katrin das verrückte Huhn, das nur Unfug im Kopf hatte. Wie konnte das Schicksal so grausam sein, dass ausgerechnet Katrin Kopfschmerzen hatte, am 24. Juli 2010. </p>



<p>Wäre es andersherum gewesen, würden beide Mädchen noch leben, denn niemals hätte ihre Mutter Katrin allein zur Loveparade gehen lassen. Aber bei Hannah gab es keinen Grund nein zu sagen, sie war die Vernunft in Person. </p>



<p>Seit Hannahs Tod hatte sich das geändert. </p>



<p>„Ach Katrin“, sagte ihre Mutter irgendwann einmal, „Du bist so schnell erwachsen geworden. Kaum wieder zu erkennen. Aus dem unzähmbaren Teenie ist über Nacht eine grundvernünftige und umsichtige Frau geworden. Das hätte ich nie erwartet. Es tut mir so leid, dass es so gekommen ist.“ </p>



<p>Wie sollte Hannah jemals ihrer Mutter erklären, dass sie vor sechzehn Jahren, am Morgen des 24. Juli die Rollen mit Katrin getauscht hatte, weil sie sie darum gebeten hatte. Katrin wollte doch so gerne zur Loveparade.</p>



<p>Als sie es ihr kurz nach dem Unglück gebeichtet hatte, erlitt ihre Mutter eine Hirnblutung, der ein mehrwöchiges Koma und eine monatelange Rekonvaleszenz folgten. An die Stunden vor der Hirnblutung und Hannahs Geständnis konnte sie sich danach nicht mehr erinnern.</p>



<p>Immer wenn ihre Mutter sie lange nachdenklich ansah, betete Hannah inständig, dass es für immer so blieb.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/hannah/">Hannah</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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		<title>Mein feiges Spieglein</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 Mar 2026 13:54:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Menschliches]]></category>
		<category><![CDATA[Nachdenkliches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ach, Spieglein klein, ich bin recht fein, so verlässlich und auch ehrlich. Ach, Spieglein klein, du bist so rein, sehr</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/mein-feiges-spieglein/">Mein feiges Spieglein</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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<p>Ach, Spieglein klein, ich bin recht fein, so verlässlich und auch ehrlich. </p>



<p>Ach, Spieglein klein, du bist so rein, sehr gut zu mir und nicht gefährlich. </p>



<p>Ach, Spieglein klar, wie bin ich rar, so selten wie die edlen Weine. </p>



<p>Ach, Spieglein klar, bist für mich da, für mich allein und sonst für keine. </p>



<p>Ach, Spieglein Gold, ich bin so hold, du siehst in mir niemals das Schlechte. </p>



<p>Ach, Spieglein Gold, hast nie gewollt, dass ich geh mit mir ins Rechte. </p>



<p>Mein Spieglein, es ist deine Kunst, aus dir schauen andere töricht raus. Spiegelst mich in voller Gunst, und blendest meine Fehler aus.</p>



<p>Doch euer Spieglein zeigt mich hässlich, malt unverschämt ein fieses Schwein. Ach, Spieglein mein, nur du verlässlich, schau selbstverliebt in dich hinein. </p>



<p>Ach, Spieglein dein, du machst mich irr, die Fratze drin kann ich nicht sein. Ich greif nach dir, so rasend wirr, und schlage deine Scheibe ein. </p>



<p>Dein Spieglein nun entzwei zerbricht, die Splitter überall verteilt. Zerschneiden deine Zuversicht, tiefe Wunde, die nicht heilt. </p>



<p>Im Nachhinein tut es mir leid, nicht in dich geblickt zu haben. Ich glaub, es ist nun an der Zeit, mein Selbstbild mal zu hinterfragen. </p>



<p>Ach, eignes Spieglein, bist glasklar, doch gerne du die Wahrheit biegst. Der fremde Spiegel spricht oft wahr, wenn du mir in die Tasche lügst. </p>



<p>Ach, Spieglein mein, ich muss erkunden, viele Bilder muss man schauen. Ich glaub, ich habe dich erfunden, um selbst mich übers Ohr zu hauen. </p>



<p>Ach, Spieglein dein, was sag ich dir, in deiner Tiefe klaffen Kerben. Jetzt steh ich ganz alleine hier, zu meinen Füßen, deine Scherben. </p>



<p>Ach, Spieglein dein, vermiss dich sehr, niemand sagt mir mehr die Wahrheit. Es gibt kein andres Spieglein mehr, das reflektieren kann mit Klarheit.</p>



<p>Dein Schliff, versteh nun wie er ist, ach du mein verklärter Spiegel. Selbstgerecht und feig und trist, nur Kristall mit Egosiegel. </p>



<p>Und die Moral von der Geschicht, ein Spiegel nie die Wahrheit spricht. Für ein Bild von mir komplett, brauch ich ein Spiegelkabinett. </p>



<p>Wer scheubeklappt in seinen starrt, und nicht nutzt Vielspiegelei. In eigner Herrlichkeit verharrt, stirbt dummschlau wie ein Spiegel-Ei.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/mein-feiges-spieglein/">Mein feiges Spieglein</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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		<title>In meiner Hand</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Mar 2026 20:23:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Emotionales]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Menschliches]]></category>
		<category><![CDATA[Nachdenkliches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Milos Fingerspitzen lagen entspannt auf dem, von Flöten und Geigen gekitzelten Paukenfell. Sie tasteten Ennio Morricones „Once Upon a Time</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/in-meiner-hand/">In meiner Hand</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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<p></p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p></p>



<p>Milos Fingerspitzen lagen entspannt auf dem, von Flöten und Geigen gekitzelten Paukenfell. Sie tasteten Ennio Morricones „Once Upon a Time in America“, das leise aus dem Lautsprecher in der umgebauten Trommel klang. </p>



<p>Das selbstgebaute Konstrukt sorgte dafür, dass Milos die Musik fühlen und sich mental aus der Jetzt-Welt nehmen konnte. </p>



<p>Seine linke Hand lag bewegungslos zu seinen Füßen unterhalb des Lehnstuhls. Mit ihr am Arm wollte es ihm nicht gelingen in Verbindung mit seiner Erinnerung zu treten. Genau aus diesem Grund hatte er sie sich vor einer Stunde abgenommen und achtlos hingeschmissen, ohne mit der Wimper zu zucken. Er sah auf den rosafarbenen Stumpf am Ende seines Arms und dachte nach. </p>



<p>Die Klassifizierung auf der berühmten persönlichen Skala von eins „belanglos“ bis zehn „undenkbar“ fiel bei der Frage </p>



<p>„Wie empfindest du das Töten von Lebewesen?“</p>



<p> vielen Menschen leicht, solange es sich um möglichst kleine und eklige Insekten handelte. Die unbarmherzige Ausrottung von Wespen oder Spinnen auf Knopfdruck war ihm als reizvolle Idee mancher Phobiker auch schon zu Ohren gekommen. Auf der Stufe Eins die Schädlinge. Ein emotionsfreies Kinderspiel sie zu zerquetschen. Und auf der Stufe Zehn die Menschen. Undenkbar, einem von ihnen das Leben zu nehmen. </p>



<p>Milos fragte sich, woher der Irrglaube kam und dachte über den Moment nach, als sich seine persönliche Werte-Skala von jetzt auf gleich umgekehrt hatte.</p>



<p>Der Moment als Amelie ihm vom Arm gerissen wurde, lag seinem Gedächtnis nur als schwarz gefärbter Piepton vor. Die Bilder endeten kurz vor der Explosion und setzten erst wieder im Krankenhaus ein. </p>



<p>Ihre kleine Kinderhand in Seiner kehrte als Phantomgefühl zurück, sobald er sich in diese Ruhe begab. Die Plastikhand, die sie ihm angestückelt hatten, konnte er in diesem Moment weiß Gott nicht gebrauchen. </p>



<p>Tröstlich, dass Amelie die Hand ihres Vaters hielt und mitnahm, als sie starb. Das Phantomgefühl war für ihn vielleicht sogar intensiver und verblasste nicht im Laufe der Zeit. Das konnte nur ein Gehirn leisten. Keine Hand konnte das. Keine Hand, die an ihm geblieben wäre und nie wieder etwas anderes hätte anfassen dürfen, um die letzte Berührung seines kleinen Mädchens zu konservieren. </p>



<p>Deshalb war er mit der Prothese im Reinen. </p>



<p>Judith kam von links ins Wohnzimmer, die Seite auf der Milos taub war. Das Gehör war ihm mit seiner Hand weggesprengt worden, als Amelie auf die Landmine trat. </p>



<p>Judith lächelte mitfühlend, als sie hinter dem Lehnstuhl um ihren Lebensgefährten herumging und ihm leise ins gute Ohr flüsterte: </p>



<p>„Gehst du wieder mit Amelie spazieren?“</p>



<p>Milos lächelte die Frau, die seine Werte-Skala wieder auf zehn für alles Leben justierte, liebevoll an. </p>



<p>Dann sah der alt gewordene Mann wieder auf den Armstumpf, an dem er die Hand seiner Tochter immer noch genau so fühlen konnte, wie in ihrem letzten Moment vor drei Jahrzehnten.</p>



<p>Lebendig &#8211; Warm &#8211; Vereint. </p>



<p>Das Gefühl, dass ihn seither Tag für Tag am leben hielt.</p>



<p>„Ja, so wie jeden Abend“, antwortete er.</p>



<p>Seine Stimme klang mild.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/in-meiner-hand/">In meiner Hand</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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		<title>Mondschatten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 16 Oct 2025 18:10:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Emotionales]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Menschliches]]></category>
		<category><![CDATA[Nachdenkliches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Monika war müde vom Tag. Das Büro, die neue Selbstständigkeit zehrte sie aus. Einerseits lebte sie ihren Traum, andererseits fraß</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/mondschatten/">Mondschatten</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Monika war müde vom Tag. Das Büro, die neue Selbstständigkeit zehrte sie aus. Einerseits lebte sie ihren Traum, andererseits fraß das Geschäft sie mit Haut und Haaren. Obwohl sie von zu Hause arbeitete, rieb sie sich auf. </p>



<p>Der Tod ihrer Mutter Elisabeth kam so unerwartet. Sie sollte helfen und war die ersten Jahre fest eingeplant, so lange bis Monika sich eine Hilfe leisten könnte. Morgens im Büro und nachmittags sollte sie für die kleine Brie da sein. Das war ihr Plan. Der Tod hatte jedoch seinen eigenen Plan für Elisabeth.</p>



<p>Das Landhaus in der Toskana, das ihr Mann hinterlassen hatte, kostete zusätzliche Arbeit, die Monika im Moment noch nicht an einen Gärtner vergeben konnte. Ins Immobiliengeschäft einzusteigen, hier in der Region als Anfänger war nicht nur leichtsinnig, sondern nahezu irrsinnig. Viel zu viele einheimische Makler hatten etwas dagegen.</p>



<p>„Mami, ich habe heute Oma gesehen“, zwitscherte Brie aufgeregt, als Monika sie nach dem Abendessen zu Bett brachte.</p>



<p>„Ach Liebling, du weißt doch, dass Oma gestorben ist und wir sie nicht mehr sehen können.“ Monika war zu müde, um die Bedürfnisse eines trauernden Kindes zu bedienen. </p>



<p>„Sie geht durch den Rosengang&#8230; jeden Abend“, Bries Augen strahlten voller Glück. „Ja, Brie, das war früher. Oma liebte den abendlichen Spaziergang durch den Rosengarten. Aber nun ist sie im Himmel.“</p>



<p>Bries Miene wurde ernst. „Weißt du noch, wie Oma schritt? Sie ist es.“</p>



<p>„Okay, mein Schatz, du hast sicher recht.“ Monika hatte gerade nicht den Nerv mit Brie über die Endlichkeit des Lebens zu diskutieren. </p>



<p>Irgendwann in der Nacht schreckte Monika aus dem Schlaf. Ein Gedanke ließ ihr keine Ruhe. Was hatte Brie gesagt? „Weißt du noch, wie Oma schritt?“ Wie zum Teufel kam sie nur darauf, das Präteritum, also die einfache Vergangenheit, zu wählen? Das war sowohl für sie als auch für jedes andere Kind ungewöhnlich. Kinder sprachen im Perfekt&#8230; der Erzählform. Also hätte sie gesagt: „Weißt du noch, wie Oma durch den Rosengang geschritten ist?“, wäre es plausibel, wobei das Wort „schreiten“ auch keine Kindersprache ist. So sprach höchstens Elisabeth, ihre Mutter.</p>



<p>Monika sprang aus dem Bett und huschte zum Fenster. Im Vollmond lag der Rosengang, durch den drei Schatten auf und ab gingen. Der einer eleganten älteren Dame, der eines stattlichen Mannes und an dessen Hand ein kleines Mädchen. </p>



<p>Monika erkannte, dass Brie recht hatte. Sie stürmte zur Schlafzimmertür, um zu Brie zu gelangen, sei es auch nur um ihr schlafendes Kind liebevoll zu betrachten. Ihre Zimmertür war verschlossen, ohne dass ein Schlüssel steckte. Monika dachte nach, wieso sie sich eingeschlossen hatte, als das Türschloss aufschnappte. Eine Frau in weißer Schwesterntracht stand in der Tür und fuhr Monika schroff an: „Ich habe Ihnen gestern schon gesagt, dass Ihr Mann, Ihre Mutter und Ihre Tochter bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind. Monika, Sie sind auch nicht in der Toskana, sondern in der Klinik ‚Gute Hoffnung‘ im bayrischen Wald. Verdammt nochmal, wie oft soll das noch so gehen?“ </p>



<p>Monika erinnerte sich kurz, brach zusammen und weinte sich aus der Realität in einen fortwährenden Wachtraum. Ein schöner Traum, der ihre unerträglichen Schmerzen fraß.</p>



<p></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/mondschatten/">Mondschatten</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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		<title>Achtsam</title>
		<link>https://stephan-heider.de/achtsam/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 08 Jul 2025 21:32:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Emotionales]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Menschliches]]></category>
		<category><![CDATA[Nachdenkliches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Dass sie der unerwartete Tod ihrer Tochter so dermaßen aus der Bahn warf, lag in erster Linie an der Abruptheit</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/achtsam/">Achtsam</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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<p>Dass sie der unerwartete Tod ihrer Tochter so dermaßen aus der Bahn warf, lag in erster Linie an der Abruptheit ihres Todes. Aber viel mehr noch an der Tatsache, dass Meret am Morgen des Unfalls dem pubertierenden Teenager hinterher geschrien hatte: </p>



<p>„ICH HASSE DICH!“ </p>



<p>Der Streit war nichtig. Ihre letzten Worte an Pina waren es nicht. Sie waren so bedeutsam, wie der Sicherungsbolzen einer Guillotine, den Meret beiläufig und unbedacht hinausgezogen hatte, während Pinas Kopf darin steckte. </p>



<p>Meret schrie wieder heiser in ihr Kissen, nachdem der Nachtalb ihre aufbäumende Kehle zugeritten hatte, bis sie in Schweiß und Tränen aufwachte, wie jede Nacht. Auch acht Wochen danach. </p>



<p>Und wie jede Nacht versprach sie sich erneut, sich heute ausbluten zu lassen oder zumindest vom Dach zu springen. Meret war in der Hölle, obwohl sie noch lebte.</p>



<p>„ICH HASSE DICH!“, schallte ihre Stimme über die erwachende Straße der Siedlung und überschlug sich dabei. Nachbarn blieben stehen und schauten kopfschüttelnd hoch zu ihrem Küchenfenster. Der Moment, als die Zeit wenige Sekunden stehen blieb. Pina war auf ihr Rad gestiegen und drehte sich noch einmal um. Ihre Augen antworteten stumm: „Mama, ich liebe dich, aber kann gerade nicht reden. Wir klären das heute Abend.“ </p>



<p>Meret fuhr ein Schwert durchs Herz, als Pina sich wortlos abwandte und zur Schule aufbrach, in der sie nie ankam. Diese Szene lief für sie in einer Endlosschleife ab.</p>



<p>„Wenn man lebendig ins Fegefeuer geraten kann“, dachte sie. Ihr Blick verschwamm und sie fand sich erneut schreiend am Küchenfenster wieder.</p>



<p>„ICH HASSE DICH!“</p>



<p>Das waren ernsthaft die letzten Worte an ihr Kind. Das Kind, dass sie so liebte. Eine dumme, emotionale Sekunde, in der die Nerven einer sorgenvollen Mutter durchgingen und zum ersten Mal die Worte in den Tag nicht waren: </p>



<p>„Hab dich lieb, pass auf dich auf.“ </p>



<p>Meret hasste sich so sehr für diese eine Schwäche, dass sie ihre tränenden Augen nicht mehr schloss, in der Hoffnung, dass sie ihr aus den Höhlen brennen würden.</p>



<p>Die sanfte und kühle Berührung ihrer Lider empfand sie angenehm wohltuend und weckte ihre Aufmerksamkeit. Die Berührung duftete nach Pina, zart und frisch. Meret glitt durch einen Tunnel, an dessen Ende ein diffuses Licht wartete. Sie nahm eine Stimme und ein sich langsam formendes Wort wahr.</p>



<p>„Mama&#8230;. Mama“ &#8230; ein Schluchzen.</p>



<p>Meret schlug ihre brennenden Augen auf, die Pina acht Wochen mit Salbe gepflegt hatte. Ein wunderschöner Traum, Pina saß seitlich auf ihrem Bett. „Pina, bin ich endlich tot?“</p>



<p>„Oh nein, Mami, Gott sei Dank nicht. Du hattest einen Unfall und warst acht Wochen im Koma.“ Pina brach weinend auf ihrer geliebten Mutter zusammen.</p>



<p>„Es tut mir so leid, Mami, dass wir im Streit auseinander gegangen sind. Das passiert niemals wieder.“</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/achtsam/">Achtsam</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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		<title>Schschsch&#8230;Die Stille nach Dir</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 06 Jun 2025 09:47:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Emotionales]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Menschliches]]></category>
		<category><![CDATA[Nachdenkliches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wie lange hatte ich Tessa wohl nicht gesehen? Sicher sechs Monate. Seit sie beruflich mit Leoni nach Frankfurt gezogen war,</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/schschsch-die-stille-nach-dir/">Schschsch&#8230;Die Stille nach Dir</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Wie lange hatte ich Tessa wohl nicht gesehen? Sicher sechs Monate. Seit sie beruflich mit Leoni nach Frankfurt gezogen war, gab es die Gelegenheiten meine beste Freundin zu treffen nicht mehr so häufig. Umso überraschter schaute ich aus der Wäsche, als sie am späten Abend plötzlich vor der Tür stand. Ihr energisches Klopfen an der Terrassentür holte mich langsam zurück aus meinem Schlaf auf dem Sofa, in den mich meine derzeit favorisierte Netflix-Serie gezogen hatte. Wie so oft, nach einem harten Arbeitstag und der anschließenden Ausfüllung meiner Rolle als gute Hausfrau, Ehefrau und Mutter.</p>



<p>Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass es Tessa war, die mit zerzaustem Haar und ihren großen grünen Augen durch die Scheibe winkte. Diese Traumaugen unter den langen Wimpern, die so unwiderstehlich auf Männer wirkten und um die ich sie schon als Teenager beneidet hatte. Glück in der Liebe brachten sie ihr bisher nicht, Tessa zog Leoni allein groß. Ich formte leise fragend das Wort „TESSA?“ mit den Lippen, um meine Kinder nicht zu wecken. Ich sprang zur Tür und öffnete mehr oder weniger baff das Schiebeelement.</p>



<p>Tessa und ich fielen uns überwältigt in die Arme und verdrückten ein paar Tränchen der Wiedersehensfreude, bevor wir uns wieder fassten und ich sie hereinzog.</p>



<p>„Mensch Tessa, was machst du denn hier? Ich verstehe gar nichts mehr. Wieso hast du denn nicht angerufen? Wie spät ist es überhaupt?“ Ich überzog sie mit viel zu vielen hastigen Fragen.</p>



<p>„Schschschschsch!“ Sie lächelte und drückte mir sanft ihre Fingerspitzen auf die Lippen, bis ich mich wieder gefangen hatte. Das war ihre Geste, um mich zu beruhigen. Schon immer.</p>



<p>Ihre Finger auf meinen Lippen vor der Abi Prüfung.</p>



<p>Ihre Finger auf meinen Lippen vor meiner Hochzeit.</p>



<p>Ihre Finger auf meinen Lippen vor der Geburt meines ersten Kindes.</p>



<p>„Schschschschsch, ruhig Lina, ruhig.“ Und dann sortierte sie meine Gedanken in jeder Krise mit eindringlichen Worten richtig ein, damit ich alle Schwierigkeiten mit Bravour meisterte. Nur sie konnte sich auf die Frequenz meines rasenden Pulses legen und ihn mit einem Bremsfallschirm, aufgepustet mit dem Laut:</p>



<p>„<strong>Schschschschsch</strong>“</p>



<p>wieder auf Schrittgeschwindigkeit verlangsamen.</p>



<p>„Es ist zehn Uhr abends, Lina. Entschuldige, dass ich dich erschreckt habe, Süße“, hauchte sie.</p>



<p>„Nein, nein, alles gut“, erwiderte ich, „Ist etwas passiert, was machst du denn hier?“</p>



<p>„Ich hatte plötzlich so eine Sehnsucht nach dir, Lina. Ich musste dich unbedingt sehen.“</p>



<p>„Ach Tessa“, ich fing an zu weinen, „Ich habe dich auch so vermisst, ich freue mich so sehr, dich zu sehen.“ Sie nahm mich nochmal in den Arm. „Weißt du was“, sagte ich, „Ich schenke uns ein Glas Wein ein. Ich habe dir so viel zu erzählen. Bernd ist auf Nachtschicht und die Kinder haben morgen erst zur zweiten Stunde Schule.“ Ich legte kurz meine Handfläche auf ihre Wange, sie ließ ihren Kopf in sie hinein sinken.</p>



<p>Auf dem Weg in die Küche hörte ich sie sagen „Warte, bleib“, doch ich plapperte weiter.</p>



<p>„Du bist so klasse, Tessa. Einfach so den weiten Weg nach Berlin zu kommen.“ Mittlerweile stand ich in der Küche vor dem offenen Kühlschrank und rief hinein: „Wo ist Leoni?“</p>



<p>„Darum bin ich auch hier!“, hörte ich sie aus der Ferne des Wohnzimmers rufen.</p>



<p>„Moment, ich komme“, rief ich zurück und zog die Flasche Weißwein heraus, „Ich höre dich hier so schlecht. Holst du schon mal zwei Gläser raus?“ Ich schlug den Kühlschrank zu und machte mich auf den Weg zurück zu Tessa ins Wohnzimmer. Sie gab mir keine Antwort und so redete ich weiter, während ich den Flur hinunterlief. „Ich muss dir unbedingt von den Kindern erzählen, ach Jeh die Kinder.“ Ich schraubte meine Stimme herunter. Mit den Worten: „Ich hatte ganz vergessen, dass die Jungs oben schlafen“, kam ich leise kichernd zurück ins Wohnzimmer.</p>



<p>„Tessa?“, ich sah mich um, der Raum war leer. „Tessa?“ Leise klopfte ich an der Tür des Gäste WCs. Nichts. So sehr ich sie auch suchte, Tessa war nicht mehr da. Auch im Garten, durch den sie gekommen war, keine Spur von meiner besten Freundin, die ich seit dem Kindergarten liebte wie eine Schwester. Eine Weile saß ich gedankenverloren da, wusste nicht so recht, wie lange es her war, dass ich aufwachte. Mir kam die Idee sie anzurufen, um zu fragen, warum sie wortlos wieder gegangen ist. Hatte ich irgendetwas falsches gesagt? Dreimal ließ ich es lange klingeln, ohne dass Tessa meinen Anruf auf ihrem Handy entgegennahm. Wo war sie nur hin? Ich überlegte krampfhaft, was der Grund für ihren abrupten Aufbruch gewesen sein könnte, obwohl sie erst wenige Minuten zuvor gekommen war. Nach einer spontanen Anreise von sechshundert Kilometern. Mir fiel gerade ein, dass sie als letztes sagte, sie sei auch wegen Leoni gekommen, als plötzlich mein Handy schellte. Der Klingelton, der auf meinem Handy nur ihr gehörte. <em>That&#8217;s What Friends Are For</em>. Auf dem Display leuchtete der Name: Tessa Maiwald. Ich riss das Telefon ans Ohr. „Tessa, wo bist du? Was habe ich gesagt? Was&#8230;“</p>



<p>Eine ruhige Frauenstimme unterbrach mich. Dieses Mal nicht mit den Worten „Schschschsch, Lina beruhige dich“, sondern mit einem sachlichen: „Lina Minster? Sind Sie Lina Minster?“</p>



<p>„Ähh, ja, wer sind Sie?“, antwortete ich konsterniert, „Wieso haben Sie Tessas Handy? Wo ist Tessa? Was haben Sie mit ihr gemacht?“ Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf.</p>



<p>„Lina, hören Sie. Mein Name ist Beate Brunner, ich bin Unfallärztin.“</p>



<p>Mir blieb die Luft weg.</p>



<p>„Wir haben Tessa hier bei uns in der Klinik. Sie hatte einen Autounfall.“</p>



<p>„Was ist passiert“, stammelte ich. „Wie geht es ihr? Sie war soeben noch bei mir. Ich komme sofort, Frau Doktor! Liegt sie in der Charité?“</p>



<p>„Lina, Lina, hören Sie. Ich rufe aus dem Klinikum Frankfurt an. Es tut mir sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Tessa vor dreißig Minuten den Folgen ihrer Verletzungen erlegen ist. Normalerweise hätte ich gar nicht zurückgerufen, aber Tessa hat zuletzt immer wieder gesagt: ‚Leoni muss zu Lina, versprechen Sie mir, dass Sie sich darum kümmern.‘ Und eine halbe Stunde später rufen genau Sie dreimal auf Tessas Handy hier an. Lina stand auf dem Display. Es tut mir unendlich leid. Wissen Sie, was Tessa wollte?“</p>



<p>Ich schluckte gegen den Kloß an, der mir die Luftröhre zudrückte. „Ich weiß es, Frau Doktor. Ich kann gerade nicht sprechen.“</p>



<p>Dann brach ich zusammen.</p>



<p>Drei Tage später stand sie vor meiner Tür mit ihrem Köfferchen. Das kleine Mädchen mit den großen grünen Augen und den langen Wimpern. Sie schluchzte verunsichert. Ich legte meine Fingerspitzen auf ihre Lippen und sagte leise: „Schschschsch, ruhig Leoni, beruhige dich. Ich bin für dich da.“</p>



<p>Sie blickte zu mir auf und ließ vorsichtig ihre Wange in meine Handfläche sinken.</p>
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		<title>Der dürre Rücken</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 May 2025 09:31:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Nachdenkliches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Am Ende mussten wir ihn einsperren und fernhalten von Bibliotheken, Buchhandlungen, Archiven. Zu groß war die Macht, die er besaß.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/der-duerre-ruecken/">Der dürre Rücken</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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<p>Am Ende mussten wir ihn einsperren und fernhalten von Bibliotheken, Buchhandlungen, Archiven. Zu groß war die Macht, die er besaß. Da er weder über eine Sprache noch über Papiere verfügte, gingen wir davon aus, dass er extraterrestrisch sein musste.</p>



<p>Was hatten wir Menschen über Jahrhunderte unseren imaginären Literatur-Helden für Kräfte angedichtet. Viele waren nicht mehr übrig, denn die wahre Kraft war seine. Er hatte unsere Helden gegessen. Er nährte sich von Literatur. Die größte Macht, die es je gab auf Erden. Was er las, verschwand aus den Büchern und konnte auch nicht mehr neu aufgeschrieben werden.</p>



<p>Er begann einen Raubzug auf die gesammelten Werke der Menschheit. Selbst Schrift von Monitoren fütterte ihn, was ihm online den größten Gabentisch bescherte, den man sich vorstellen konnte. Anfangs hatte er keinen großen Hunger. Zunächst ein Buchstabe aus Hamlet, am nächsten Tag zwei. Sein Appetit wuchs schnell und nach ein paar Tagen war Shakespeare vertilgt. Unwiederbringlich. </p>



<p>Verblüffte Menschen meldeten sich immer öfter, dass ihre Ausgaben von „Romeo und Julia&#8220;, „Don Quijote&#8220; und „Der Sturm&#8220; nur noch leeres Papier enthielten, bis die ersten Behörden aufmerksam wurden.</p>



<p>Dafoe, Dante, Schiller, ihm schmeckte alles. Als Landes- und Nationalbibliotheken die Verluste bestätigten, wussten wir noch nicht einmal, wie die Texte aus den Büchern verschwanden. Was wir wussten, war, dass mehr und mehr Niedergeschriebenes verloren ging. Alle Bücher und Datenträger leerten sich in exponentiell zunehmender Geschwindigkeit. Dabei machte er auch vor Fachliteratur nicht halt. Das Haber-Bosch-Verfahren mundete ihm ebenso wie Cinderella und die Unabhängigkeitserklärung.</p>



<p>Hastig gegründete Expertenteams versuchten alles aus dem Gedächtnis erneut niederzuschreiben. Leider vergeblich. Sobald der Cursor auf die nächste Stelle sprang, verschwand der soeben getippte Buchstabe wieder. Auch handschriftlich liefen die Bemühungen ins Leere. Als ob ein unsichtbarer Tintenkiller jedem Schreibstift auf seiner Linie hinterher jagte. Bei Sprachaufnahmen und Fotografien von Texten lief es ähnlich ab. </p>



<p>Innerhalb weniger Generationen würde das meiste Wissen aus den Gedächtnissen gelöscht sein. Sein Hunger wurde unermesslich.</p>



<p>Autoren bildeten verzweifelt eine Gegenbewegung und schrieben massenweise neue Geschichten. Nur ganz wenige ließen sich auf Papier oder den Monitor bringen. Auch wenn die Sätze anders formuliert waren, funktionierte es nur, wenn es eine neue Idee war. Ein Plot, den es schon gab, nährte sein hungriges Maul sofort. Wissenschaftliche Arbeiten waren damit nicht einmal mehr einen Rettungsversuch wert.</p>



<p>Der dünne Kerl fiel als erstes einer Philosophiestudentin in Pennsylvania auf, die lieber beobachtete als studierte und zufällig in der Universitätsbibliothek hinter ihm saß. Die Worte und Sätze ver- schwanden in der Leserichtung, die die jeweilige Sprache vorgab, nachdem sein Blick über sie glitt. Rasend schnell wie ein Cursor, der durch die gedrückt gehaltene Entfernen-Taste die Buchstaben aufsaugte, wie ein schwarzes Loch es mit Materie tat. Er tauchte auf der ganzen Welt auf und wurde von den Kameras der Bibliotheken, Museen und Internetcafés aufgenommen. Ein dürrer Rücken vor Buchstaben, die verschwanden, sobald er sie ins Auge fasste.</p>



<p>Wir nahmen ihn letztendlich ohne Gegenwehr in der „British Library“ fest. Da hatte er neben tausenden Werken Trivialliteratur bereits Platon, Mark Aurel, Wolfram von Eschenbach, Voltaire, Lessing, Grimm und vieles mehr verspeist, ohne sichtbar zuzunehmen. </p>



<p>Nun saß das hagere Bürschlein in dieser Zelle, die den höchsten Sicherheitsanforderungen entsprach und wurde von uns eingeordnet. Eine Kreatur, die es auf der Erde nicht geben konnte. Sein Gesicht gewann nur schwache Kontur in der Bewegung. Sobald es verharrte, wurde es unscharf. Somit ließ es sich nicht fotografieren für irgendeine Akte. Eines Morgens war er nicht mehr da. Einfach gegangen, ohne dass wir es bemerkt hatten oder verhindern konnten. Er muss durch die Wand verschwunden sein. Hunger trieb ihn weiter. </p>



<p>Als Bibel, Koran, Talmud und die anderen heiligen Schriften entleert waren, liefen Staaten und Religionen Amok. Sie beschuldigten sich gegenseitig der Sabotage. Kriege brachen aus. Der dürre Mann hatte alles gefressen, was unsere Werte und Erkenntnisse beschrieb.</p>



<p>Auf seinem Weg nach Hause, verspeiste er den letzten Snack. Die Arecibo-Botschaft, die von einem Radioteleskop in Puerto Rico 1974 ins All gesendet wurde. Binär codierte Informationen über unsere Biologie, Population und Herkunft. </p>



<p>Wenige Wochen zuvor erst hatte sie den dürren Rücken erreicht und neugierig gemacht. Seine Erscheinung verschwand so schnell aus unserem Gedächtnis, wie die Literatur, die er sich einverleibte. Alles Wissen der Menschheit versickerte in wenigen Generationen im Boden.</p>



<p>Der Boden, in den die letzten Wissenden nach und nach beerdigt werden mussten.</p>
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		<title>104</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 May 2025 10:15:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Nachdenkliches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Transluzenz dieser Haut glich hauchzart gebleichtem Pergamentpapier. Die Leiche auf dem Tisch erinnerte in ihrer Schönheit an jene märchenhafte</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/104-2/">104</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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<p>Die Transluzenz dieser Haut glich hauchzart gebleichtem Pergamentpapier. Die Leiche auf dem Tisch erinnerte in ihrer Schönheit an jene märchenhafte Makellosigkeit Schneewittchens, die sich nur schwer beschreiben ließ. </p>



<p>Der nahezu reine weiße Teint, nur durch ein leichtes blau unter den Augen verunreinigt, zeugte von der Blutleere dieser toten jungen Frau auf dem Obduktionstisch von Dr. Senta Starck.</p>



<p>Selbst die Haare waren sorgfältig mit einer Art weißer Farbe nach hinten gegelt und so zog nur ein einziger andersfarbiger Blickfang an dieser Leiche die ungetrübte Aufmerksamkeit auf sich. Das „Rouge Allure“ auf den Lippen dieser Schönheit war so markant, dass es nur mit einem speziellen Stift aufgetragen sein konnte. Mit der Nummer 104 von Chanel. Als ob alles Blut in den vollen Lippen zusammengelaufen wäre und nichts mehr übrig blieb für den Rest des Körpers. Senta Starck strich mit ihren, in Latexhandschuhen steckenden, Fingerspitzen fasziniert über den makellosen Körper und schüttelte den Kopf. „Was für eine Verschwendung“, dachte sie angesichts, der vom Leben verlassenen, etwa zwanzigjährigen Frau, die vor ihr lag, fertig für die Beschau und die Obduktion. </p>



<p>Die renommierte Pathologin mit der Professur an der Uni Hamburg und der hochdotierten Anstellung am gerichtsmedizinischen Institut lief mehrfach um den Tisch, ohne den Blick von der Leiche abzuwenden. Sie nahm sich viel Zeit, den Körper zu lesen und zu studieren, bevor sie ihn in seiner Perfektion, zerstören würde. Die nur ein Zentimeter langen minimalinvasiven Schnitte in die vier Hauptarterien der Gliedmaßen waren ein Meisterwerk des Mörders. Kaum sichtbar an den Innenschenkeln und Achselhöhlen waren dem vermutlich sedierten Mädchen ergiebige und effektive Leckagen in ihrem Blutkreislauf zugefügt worden. </p>



<p>Nachdem ihr eigenes Herz sie weitgehend leergepumpt hatte, stellte es ausgehungert die Arbeit ein. Das Ganze hatte nur einige Minuten gedauert. Nur ein paar tiefe Schnitte an den richtigen Stellen beendete das Leben, der statistisch neunzig werdenden, nach bereits zwanzig Jahren. Die gestohlenen siebzig Jahre haben nicht einmal protestiert oder gejammert. Sie hätte noch etwa sechzigtausend Kilowattstunden Energie benötigt oder fünfzig Millionen Kalorien, um ihr normales Leben zu Ende zu bringen. Ohne Geburten gerechnet. </p>



<p>Wer bekam jetzt diese Energie. Der Mörder? Ihrer war davon überzeugt und geiferte dem Transfer entgegen. </p>



<p>Die Obduktion war ein destruktiver und kraftraubender Akt, der nach dem Y-Schnitt und dem Heraussägen des Brustbeins schließlich die, in Reihenfolge und Methodik vorgeschriebene, Entnahme der Organe vorsah. Senta verachtete ihn. Es war kein schöpferischer Prozess, der einen Potenzialausgleich besaß. Er stahl ihre kreative Energie und tötete ihre Emotionen. Es war ihr Job, der ihr die kleine, alte Villa mit Elbgrundstück und Bootsschuppen finanzierte. </p>



<p>Aber heute war es endlich wieder anders, heute gab es kein lästiges Protokoll. Umso euphorischer nippte Senta an ihrem Rotwein und streifte sich die Latexhandschuhe ab. Sie waren das letzte, was sie an ihrem nackten Körper trug. Außer der 104 „Rouge Allure Passion“ von Chanel auf ihren Lippen. Genau wie die Kleine auf ihrem Tisch, die sich gestern um die Stelle der Haushaltshilfe beworben hatte und von Senta zur Ader gelassen wurde. Die, vollgepackt mit warmen Leben, durch ihre Haustür kam und als entleerte, ausgekühlte Leiche über ihr Bootshaus in der Elbe verschwinden würde.</p>



<p> Aber nicht, ohne vorher zum Kunstwerk zu werden. Senta zog sich den Lippenstift nach, zündete sich einen Joint an und griff nach dem Skalpell. Zeit, Kunst zu schaffen wie die großen Surrealisten Dali, Picasso oder Kahlo. Fern von akademischen Vorgaben gehörte dieser Körper in Sentas Bootshaus, dessen Werkstatt fast dem Obduktionsraum der Gerichtsmedizin im Institut glich, einzig und allein dem schöpferischen Prozess eines unbekannten Modells und einer unbekannten Künstlerin. Um Kunst zu erschaffen, die nie vorzeigbar werden würde. Abgründig und schockierend. </p>



<p>Kunst von Dr. Senta Starck.</p>



<p></p>
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		<title>Entscheidung eines Lebens &#8211; Podcast</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Mar 2025 06:48:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Emotionales]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Menschliches]]></category>
		<category><![CDATA[Nachdenkliches]]></category>
		<category><![CDATA[Podcast]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Silke Siegel liest hier noch einmal eine Kurzgeschichte aus meinem Buch &#8222;Affectum&#8230;und wen hast du so vermisst?&#8220; Den Podcast findest</p>
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<p>Silke Siegel liest hier noch einmal eine Kurzgeschichte aus meinem Buch &#8222;Affectum&#8230;und wen hast du so vermisst?&#8220;</p>





<p>Den Podcast findest du auch hier (öffnet einen neuen Tab): <a href="https://wasliestdieda.de/episode/244-entscheidung-eines-lebens-stephan-heider" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://wasliestdieda.de/episode/244-entscheidung-eines-lebens-stephan-heider</a></p>
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		<title>Der Wald</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Sep 2024 12:34:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Emotionales]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Nachdenkliches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der grüne Kessel strahlte beim Aussetzen des Sonnenscheins eine gewisse Schwere aus, die einem auf das Gemüt schlagen konnte. So</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/389-2/">Der Wald</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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<h1 class="wp-block-heading"></h1>



<p>Der grüne Kessel strahlte beim Aussetzen des Sonnenscheins eine gewisse Schwere aus, die einem auf das Gemüt schlagen konnte. So wie manche Momente in Grimms Märchenwelten, in denen man sich als Kind aus Furcht die Bettdecke über die Nasenspitze zog. </p>



<p>Für uns als Reisegäste überwog das Glitzerspiel des Laubs als Wohlgefühl einer schönen Urlaubsfahrt in die sächsische Schweiz. Die Bäume winkten uns heiter zu, hier an unserem Tisch vor der „Flößer-Stube“ im Kirnitzschtal, an dem wir zu Abend aßen. Sitzend in der Mitte einer runden Arena, von deren Rängen der alte Wald auf uns hinunter blickte. </p>



<p>Der Wald, der alles wusste.</p>



<p><br>Die alte Frau jedoch wurde nur von den bewegungslosen Tannen dazwischen angestarrt. Die meisten glotzten stickum aus einem wehmütig grünen und schweren Mantel. Einige bestanden nur noch aus knochigem Gehölz, hatten ihr Kleid längst abgeworfen auf einen dicken, braunen Nadelteppich aus Schmerz zu ihren Füßen. Fragil und auf dem Weg bald wieder zu Erde zu werden. Genau wie sie, diese alte Frau, die neben uns saß und deren Geschichte der alte Wald genau kannte. Die Tannen hatten gesehen, wie sie ihr bisheriges Dasein im Kessel fristete.</p>



<p><br>Sie setzte sich an unseren Nachbartisch, eine Tafel für Sechs. Zielgenau steuerte sie schleppenden Schrittes den Kopf des Tisches an. Ihr Körper, wie ein Klappmesser, auf der Hälfte verbogen. Auf Höhe der Hüfte vornübergebeugt, der Nacken niedergedrückt vom Leben.<br>Die Zeit hatte sie bezwungen und persönliche Schicksalsschläge schnitzten ihr die Verhärmung tief ins Gesicht.<br>So nahm ich sie wahr, im Hauche eines kurzen Moments.</p>



<p><br>Sogleich eilte die Kellnerin herbei, als würde sie das Schauspiel bereits kennen. Die alte Dame bestellte einen Kaffee und verwies darauf, dass sie den großen Tisch brauchen würde, da sie ihre Familie zum Essen erwarte.<br>„Das freut mich, Frau Schumann, den Kaffee bringe ich Ihnen sofort“, lächelte die Bedienung freundlich.</p>



<p><br>Die Zeit verrann, wir bekamen unsere Speisen und lachten heiter, während wir sie in aller Gemütlichkeit zu uns nahmen.<br>Melancholie. Das war es, was die uralte ockerfarben verputzte „Flößer-Stube“ mit ihrem Schieferdach über der schwarzen Firstlattung in dieser Umgebung ausstrahlte. Trist gebettet in grauem Kies. Seit hundertfünfzig Jahren.</p>



<p><br>Frau Schumann hieß sie also, diese alte Dame am Nebentisch, die schweigend in die Weite spähte und langsam an ihrem mittlerweile kalt gewordenen Kaffee nippte. Ich hatte den Eindruck, dass sie viel zu früh war und ihre Familie eventuell den Termin eine Stunde später im Kalender stehen hatte.<br>Aber auch dann kam niemand!</p>



<p><br>„Ich würde gerne die Schicht an meinen Kollegen übergeben, darf ich vorher noch etwas bringen“, sprach uns die Kellnerin mit dem freundlichen Lächeln an.<br>„Ah, gerne noch eine Runde Helle bitte“, bestellten wir und fragten nach, ob sie eine Zwischenrechnung machen wolle.<br>„Nicht nötig“, erwiderte sie, „wir halten hier alle zusammen“, womit sie uns wohl sagen wollte, dass etwaiges Trinkgeld unter den Kollegen gerecht geteilt werden würde.<br>Nachdem sie die Runde Bier für mich und meine Freunde und für Frau Schumann noch ein Wasser gebracht hatte, verabschiedete sie sich freundlich von uns. Für Frau Schumann, die immer noch traurig in die Ferne blickte, hatte sie sogar noch ein Streicheln ihres Handrückens und ein „bis bald, alles Gute“ über.<br>Die junge Frau huschte aus einer Nebentür und verschwand im Bus, der genau die Minute gewartet hatte, bis sie ihn an der Straße erreicht hatte. </p>



<p>„Wir halten hier alle zusammen“, dachte ich kurz und gedankenverloren blickte ich zu Frau Schumann hinüber, die seit eineinhalb Stunden schweigend auf ihre Familie wartete, die es wahrscheinlich gar nicht gab. Das war der Gedanke, der mir mittlerweile als der naheliegendste erschien. Sie tat mir unfassbar leid. Sie war womöglich ganz allein und auf der Reise in die Demenz. Ich spürte einen kurzen Moment, was Einsamkeit bedeutete.</p>



<p><br>Der Biergarten bevölkerte sich zusehends um, Leute kamen, aßen und tranken und gingen wieder.<br>Mittlerweile hatten wir schon beratschlagt, ob wir Frau Schumann nicht einfach an unseren Tisch bitten sollten, um ihr etwas Gesellschaft und Unterhaltung zu bieten. Sicher hätte sie aus einem ereignisreichen Leben erzählen können.<br>Aber all das waren nur Vermutungen, das Warten, die ausbleibende Ankunft der Familie. So blieb mir der Mut noch weg und bevor ich ihn fassen konnte, rollte knirschend das Taxi durch den Kies vor die Flößer-Stube.<br>Die junge Familie stieg heiter plappernd aus, adrett gekleidet und mit Vater, Mutter und zwei kleinen Kindern, Junge und Mädchen, sozusagen wie aus dem Bilderbuch.<br>Frau Schumanns Miene hellte sich auf und fast schien sie uns Lügen strafen zu wollen mit einem Lächeln, dass sagte: „Seht her, ihr Zweifler, da ist meine liebe Familie!” Scham hangelte sich an den Wirbeln meines Rückgrats hoch. Ich hatte mich geirrt. Hatte etwas in die Situation interpretiert, nur aus einem Gefühl heraus. Dabei war ihre Familie nur zu spät.<br>Eine Zeit lang sah ich bewusst weg. Frau Schumann hatte eine tolle Familie und ich eine Lektion über voreilige Schlüsse gelernt.</p>



<p><br>Wir saßen wirklich lange beisammen und hatten einige Runden. Meine Freunde und ich vergaßen mit fortschreitendem Abend die Geschichte um Frau Schumann, die mittlerweile mit ihrer Familie beim Dessert angekommen war. Ich sah noch einmal hinüber und mein Blick blieb verträumt an diesen glücklichen Menschen hängen.<br>Die Kinder zogen die Schokoladencreme schmatzend durch die Zähne und alle lachten so herzhaft darüber, dass es mir warm wurde.</p>



<p><br>„Johann, wir schließen jetzt. Zeit nach Hause zu gehen! Sie kommen heute nicht mehr!”</p>



<p><br>Ich spürte eine glatte, junge Hand über meinen faltigen Handrücken streichen und wurde aus meiner wunderschönen Gedankenreise gerissen. Ich blickte in das milde freundliche Gesicht der Kellnerin. „Komisch, war sie nicht vor Stunden schon gegangen?&#8220;<br>Ich löste meinen leeren Blick und sah hinüber zu Familie Schumann. An der Stelle, wo sie soeben noch saß, stand ein großer Kübel mit einem wunderschönen Hibiskus, der in der Dämmerung schützend seine Blüten schloss.</p>



<p><br>Ich blickte verwirrt in die Runde nach meinen Freunden. Sie waren nicht mehr da. Ich saß an einem winzigen Tisch allein vor einem geleerten Wasserglas.<br>Aus dem Kessel starrten mich die finsteren Tannen unerträglich stumm an. Aus dem Wald, der mich seit siebenundachzig Jahren kannte. </p>



<p>Aus dem Wald, der alles wusste.</p>
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