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	<title>Stephan Heider</title>
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	<title>Stephan Heider</title>
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		<title>Hannah</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 Mar 2026 14:14:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Emotionales]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Nachdenkliches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ihre Seele ächzte unter der Last dieses Fehlers, den sie vor sechzehn Jahren gemacht hatte. Sie stützte tapfer ihre Mutter,</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/hannah/">Hannah</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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<p>Ihre Seele ächzte unter der Last dieses Fehlers, den sie vor sechzehn Jahren gemacht hatte. Sie stützte tapfer ihre Mutter, deren Körper unter den Weinkrämpfen bebte, so wie jedes Jahr an diesem Ort.</p>



<p>„Geboren um zu Leben“ sang der Graf vom Band und schnitt damit gnadenlos die fragile Schutzhaut von der seelischen Wunde, die niemals heilen würde. In den ersten drei Jahren kam er noch persönlich zur Trauerfeier, um bei den Angehörigen zu sein. Es war ihm eine Herzensangelegenheit. </p>



<p>Die Gedenkstätte mit Hannahs Namen und denen der anderen Opfer war herausragend gepflegt. Niemals würden die Eltern und Geschwister sie aufgeben, auch wenn die Stadt sich noch so sehr bemühte, den Hinterbliebenen einen anderen Ort schmackhaft zu machen, um endlich mit der Bebauung des ansonsten herunter gekommenen Geländes zu beginnen. </p>



<p>Hannah und Katrin, die Zwillinge, hätten in diesem Jahr ausgelassen ihren vierunddreißigsten Geburtstag gefeiert. Wenn Hannah nicht tot wäre. Erdrückt am Fuße dieser Treppe.</p>



<p>Eigentlich war Hannah die Vernünftige der beiden und Katrin das verrückte Huhn, das nur Unfug im Kopf hatte. Wie konnte das Schicksal so grausam sein, dass ausgerechnet Katrin Kopfschmerzen hatte, am 24. Juli 2010. </p>



<p>Wäre es andersherum gewesen, würden beide Mädchen noch leben, denn niemals hätte ihre Mutter Katrin allein zur Loveparade gehen lassen. Aber bei Hannah gab es keinen Grund nein zu sagen, sie war die Vernunft in Person. </p>



<p>Seit Hannahs Tod hatte sich das geändert. </p>



<p>„Ach Katrin“, sagte ihre Mutter irgendwann einmal, „Du bist so schnell erwachsen geworden. Kaum wieder zu erkennen. Aus dem unzähmbaren Teenie ist über Nacht eine grundvernünftige und umsichtige Frau geworden. Das hätte ich nie erwartet. Es tut mir so leid, dass es so gekommen ist.“ </p>



<p>Wie sollte Hannah jemals ihrer Mutter erklären, dass sie vor sechzehn Jahren, am Morgen des 24. Juli die Rollen mit Katrin getauscht hatte, weil sie sie darum gebeten hatte. Katrin wollte doch so gerne zur Loveparade.</p>



<p>Als sie es ihr kurz nach dem Unglück gebeichtet hatte, erlitt ihre Mutter eine Hirnblutung, der ein mehrwöchiges Koma und eine monatelange Rekonvaleszenz folgten. An die Stunden vor der Hirnblutung und Hannahs Geständnis konnte sie sich danach nicht mehr erinnern.</p>



<p>Immer wenn ihre Mutter sie lange nachdenklich ansah, betete Hannah inständig, dass es für immer so blieb.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/hannah/">Hannah</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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		<title>Mein feiges Spieglein</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 Mar 2026 13:54:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Menschliches]]></category>
		<category><![CDATA[Nachdenkliches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ach, Spieglein klein, ich bin recht fein, so verlässlich und auch ehrlich. Ach, Spieglein klein, du bist so rein, sehr</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/mein-feiges-spieglein/">Mein feiges Spieglein</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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<p>Ach, Spieglein klein, ich bin recht fein, so verlässlich und auch ehrlich. </p>



<p>Ach, Spieglein klein, du bist so rein, sehr gut zu mir und nicht gefährlich. </p>



<p>Ach, Spieglein klar, wie bin ich rar, so selten wie die edlen Weine. </p>



<p>Ach, Spieglein klar, bist für mich da, für mich allein und sonst für keine. </p>



<p>Ach, Spieglein Gold, ich bin so hold, du siehst in mir niemals das Schlechte. </p>



<p>Ach, Spieglein Gold, hast nie gewollt, dass ich geh mit mir ins Rechte. </p>



<p>Mein Spieglein, es ist deine Kunst, aus dir schauen andere töricht raus. Spiegelst mich in voller Gunst, und blendest meine Fehler aus.</p>



<p>Doch euer Spieglein zeigt mich hässlich, malt unverschämt ein fieses Schwein. Ach, Spieglein mein, nur du verlässlich, schau selbstverliebt in dich hinein. </p>



<p>Ach, Spieglein dein, du machst mich irr, die Fratze drin kann ich nicht sein. Ich greif nach dir, so rasend wirr, und schlage deine Scheibe ein. </p>



<p>Dein Spieglein nun entzwei zerbricht, die Splitter überall verteilt. Zerschneiden deine Zuversicht, tiefe Wunde, die nicht heilt. </p>



<p>Im Nachhinein tut es mir leid, nicht in dich geblickt zu haben. Ich glaub, es ist nun an der Zeit, mein Selbstbild mal zu hinterfragen. </p>



<p>Ach, eignes Spieglein, bist glasklar, doch gerne du die Wahrheit biegst. Der fremde Spiegel spricht oft wahr, wenn du mir in die Tasche lügst. </p>



<p>Ach, Spieglein mein, ich muss erkunden, viele Bilder muss man schauen. Ich glaub, ich habe dich erfunden, um selbst mich übers Ohr zu hauen. </p>



<p>Ach, Spieglein dein, was sag ich dir, in deiner Tiefe klaffen Kerben. Jetzt steh ich ganz alleine hier, zu meinen Füßen, deine Scherben. </p>



<p>Ach, Spieglein dein, vermiss dich sehr, niemand sagt mir mehr die Wahrheit. Es gibt kein andres Spieglein mehr, das reflektieren kann mit Klarheit.</p>



<p>Dein Schliff, versteh nun wie er ist, ach du mein verklärter Spiegel. Selbstgerecht und feig und trist, nur Kristall mit Egosiegel. </p>



<p>Und die Moral von der Geschicht, ein Spiegel nie die Wahrheit spricht. Für ein Bild von mir komplett, brauch ich ein Spiegelkabinett. </p>



<p>Wer scheubeklappt in seinen starrt, und nicht nutzt Vielspiegelei. In eigner Herrlichkeit verharrt, stirbt dummschlau wie ein Spiegel-Ei.</p>
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		<title>In meiner Hand</title>
		<link>https://stephan-heider.de/in-meiner-hand/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Mar 2026 20:23:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Emotionales]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Menschliches]]></category>
		<category><![CDATA[Nachdenkliches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Milos Fingerspitzen lagen entspannt auf dem, von Flöten und Geigen gekitzelten Paukenfell. Sie tasteten Ennio Morricones „Once Upon a Time</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/in-meiner-hand/">In meiner Hand</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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<p></p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p></p>



<p>Milos Fingerspitzen lagen entspannt auf dem, von Flöten und Geigen gekitzelten Paukenfell. Sie tasteten Ennio Morricones „Once Upon a Time in America“, das leise aus dem Lautsprecher in der umgebauten Trommel klang. </p>



<p>Das selbstgebaute Konstrukt sorgte dafür, dass Milos die Musik fühlen und sich mental aus der Jetzt-Welt nehmen konnte. </p>



<p>Seine linke Hand lag bewegungslos zu seinen Füßen unterhalb des Lehnstuhls. Mit ihr am Arm wollte es ihm nicht gelingen in Verbindung mit seiner Erinnerung zu treten. Genau aus diesem Grund hatte er sie sich vor einer Stunde abgenommen und achtlos hingeschmissen, ohne mit der Wimper zu zucken. Er sah auf den rosafarbenen Stumpf am Ende seines Arms und dachte nach. </p>



<p>Die Klassifizierung auf der berühmten persönlichen Skala von eins „belanglos“ bis zehn „undenkbar“ fiel bei der Frage </p>



<p>„Wie empfindest du das Töten von Lebewesen?“</p>



<p> vielen Menschen leicht, solange es sich um möglichst kleine und eklige Insekten handelte. Die unbarmherzige Ausrottung von Wespen oder Spinnen auf Knopfdruck war ihm als reizvolle Idee mancher Phobiker auch schon zu Ohren gekommen. Auf der Stufe Eins die Schädlinge. Ein emotionsfreies Kinderspiel sie zu zerquetschen. Und auf der Stufe Zehn die Menschen. Undenkbar, einem von ihnen das Leben zu nehmen. </p>



<p>Milos fragte sich, woher der Irrglaube kam und dachte über den Moment nach, als sich seine persönliche Werte-Skala von jetzt auf gleich umgekehrt hatte.</p>



<p>Der Moment als Amelie ihm vom Arm gerissen wurde, lag seinem Gedächtnis nur als schwarz gefärbter Piepton vor. Die Bilder endeten kurz vor der Explosion und setzten erst wieder im Krankenhaus ein. </p>



<p>Ihre kleine Kinderhand in Seiner kehrte als Phantomgefühl zurück, sobald er sich in diese Ruhe begab. Die Plastikhand, die sie ihm angestückelt hatten, konnte er in diesem Moment weiß Gott nicht gebrauchen. </p>



<p>Tröstlich, dass Amelie die Hand ihres Vaters hielt und mitnahm, als sie starb. Das Phantomgefühl war für ihn vielleicht sogar intensiver und verblasste nicht im Laufe der Zeit. Das konnte nur ein Gehirn leisten. Keine Hand konnte das. Keine Hand, die an ihm geblieben wäre und nie wieder etwas anderes hätte anfassen dürfen, um die letzte Berührung seines kleinen Mädchens zu konservieren. </p>



<p>Deshalb war er mit der Prothese im Reinen. </p>



<p>Judith kam von links ins Wohnzimmer, die Seite auf der Milos taub war. Das Gehör war ihm mit seiner Hand weggesprengt worden, als Amelie auf die Landmine trat. </p>



<p>Judith lächelte mitfühlend, als sie hinter dem Lehnstuhl um ihren Lebensgefährten herumging und ihm leise ins gute Ohr flüsterte: </p>



<p>„Gehst du wieder mit Amelie spazieren?“</p>



<p>Milos lächelte die Frau, die seine Werte-Skala wieder auf zehn für alles Leben justierte, liebevoll an. </p>



<p>Dann sah der alt gewordene Mann wieder auf den Armstumpf, an dem er die Hand seiner Tochter immer noch genau so fühlen konnte, wie in ihrem letzten Moment vor drei Jahrzehnten.</p>



<p>Lebendig &#8211; Warm &#8211; Vereint. </p>



<p>Das Gefühl, dass ihn seither Tag für Tag am leben hielt.</p>



<p>„Ja, so wie jeden Abend“, antwortete er.</p>



<p>Seine Stimme klang mild.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/in-meiner-hand/">In meiner Hand</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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		<title>Die verbotene Frau</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Oct 2025 10:33:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Spannendes]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Knapp zwei Jahrzehnte hatte er die Gier im Griff. Mittlerweile konnte er sich einen glücklich verheirateten Musik-Professor nennen mit makelloser</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/die-verbotene-frau/">Die verbotene Frau</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Knapp zwei Jahrzehnte hatte er die Gier im Griff. Mittlerweile konnte er sich einen glücklich verheirateten Musik-Professor nennen mit makelloser Karriere. Vom Straßenkünstler zum Orchesterleiter. Sein Studium hatte Simon sich zusammengetingelt und es in jungen Jahren dabei auch ordentlich krachen lassen. Die Jazz-Abende, die er damals in diversen Bars mühelos improvisiert hatte, waren ein Geheimtipp zu ihrer Zeit. Das Talent war Simon in die Wiege gelegt, die Brutalität wahrscheinlich auch. </p>



<p>Sein Vater war ein strenger Klavierlehrer und jähzorniger Ehemann. Man sagte ihm gewisse Dinge nach, die sich in den Privatstunden, vorzugsweise mit jungen Mädchen abgespielt haben sollen. Er war eines Nachts auf dem Heimweg aus der Weinschänke kopfüber in den Bach gefallen und elend ersoffen, obwohl bei Flachwasser nur wenige Zentimeter das Bachbett füllten. Eine Untersuchung des Vorfalls war vom Polizeichef und vom Staatsanwalt nicht angeordnet worden, da es sich um einen Unfall handelte, wie sie der Presse bekannt gaben. </p>



<p>Die Töchter der beiden Männer mussten jedoch nach seinem tragischen Tod nach einem neuen Klavierlehrer Ausschau halten.</p>



<p>Simon sah Charlotte zum ersten Mal, als er beim Vorspielen der Neu-Talente zufällig durch den Proberaum schlenderte. Sofort lief ihm ein Schauer über den Rücken. Normalerweise tauchten hier überwiegend Langweiler auf, doch diese junge Wilde erregte mehr als seine Aufmerksamkeit. Er blieb stehen und schob seine Lesebrille auf die Stirn. Die Bügel drückten dabei die wilden angegrauten Locken aus dem gebräunten Gesicht des Mittvierzigers. Simon hatte nichts von seinem attraktiven Charme eingebüßt, ganz im Gegenteil. </p>



<p>Charlotte hatte die Augen geschlossen und saß breitbeinig auf dem Hocker gegenüber dem Komitee. Den Rock des feingeblümten Sommerkleidchens hatte sie über ihre Knie hochgeschoben, damit sie das Cello ganz nah an sich heranziehen konnte. Sie hexte sinnlich Bachs Cello Suite No. 1 über den Bogen auf die Saiten und warf dabei wild ihre blonden Locken von rechts nach links. Simon merkte sofort, dass Charlotte, wie er selbst, über ein absolutes Gehör verfügte. Er stellte sich vor, wie Charlotte schwitzend unter ihm den Kopf hin und her warf, während er sie hart rannahm. Die Gier nach Macht war zurück. Sie mit einer Musik zu bespielen, die sie vielleicht nicht mochte. Strebend nach seiner persönlichen Perfektion ein sperriges Instrument zu bändigen, obwohl es nicht gestimmt war. </p>



<p>Er schüttelte sich kurz aus seinem Tagtraum und zwang sich, an neutrale Szenarien zu denken, so wie er es in der Therapie gelernt hatte. Vor zwanzig Jahren war er einmal zu weit gegangen und hatte ein Mädchen, das nur mit ihm reden wollte, mit K.O.-Tropfen gefügig gemacht. Das war der Wendepunkt in seinem Leben. Er war doch keine Bestie. Elke hatte er nie weh getan. Seine Frau hielt ihn für einen fürsorglichen Ehemann, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. So war er ja heute auch, Simon beherrschte seine Fantasien. </p>



<p>Charlotte war vielleicht gerade siebzehn und eine Naturgewalt, die Simon unbedingt kennenlernen musste. Der Orchesterchef wies den Komitee-Leiter an, sie nach der Probe in sein Büro zu schicken. Nach der Vorspielprobe wackelte Charlotte lasziv an Simons Bürofenster vorbei und er bemerkte, dass sie noch nicht einmal ihr eigenes Cello dabeihatte. Sie spielte die anspruchsvolle Nummer und gewann das Vorspielen haushoch und ganz beiläufig, als wäre es eine Runde Squash mit einem x-beliebigen Leihschläger. </p>



<p>Das Tier in ihm regte sich und wurde fast rasend, als sie seine Türklinke ausließ und gelangweilt aus der Akademie stolzierte, als hätte sie beim Shopping nichts Passendes gefunden. Nach einem kurzen Moment der totalen Verwirrung hechtete Simon Charlotte hinterher ins Altstadtgetümmel, getrieben von lang verdrängten Begehrlichkeiten.</p>



<p>Er sah sie ins Café Babette huschen, vor dessen Tür er noch einige Bahnen auf und ab zog. Wie ein Tiger, der auf der Fährte einer unwiderstehlichen Beute kurz haderte, weil er sich in Gefahr begeben musste, um sie zu reißen. </p>



<p>Dass er in dieses Café eintreten würde, war schon entschieden, als er zur Welt kam.</p>



<p>Charlotte hatte es sich an der Theke gemütlich gemacht und wertete ihre Dunhill mit einem doppelten Espresso auf. </p>



<p>„Junge Dame, entschuldigen Sie. Mein Name ist Simon Kalbusch. Ich leite die Musikakademie, in der Sie gerade so furios vorgespielt haben.“ </p>



<p>„Professor Kalbusch, Sie müssen sich doch nicht vorstellen, jeder ambitionierte Musiker der Stadt kennt Sie. Ich heiße Charlotte Berger.“ </p>



<p>Simon sah auf die Uhr. „Einen Gin Tonic, bitte“, rief er dem Barkeeper zu. „Mögen Sie auch einen, Charlotte?“</p>



<p>„Warum nicht?“, antwortete sie und hielt dem Barkeeper das Victory-Zeichen hin. Dieser nickte und zog ein zweites Glas aus dem Regal.</p>



<p>„Wieso habe ich noch nichts von Ihnen gehört, Charlotte?“, fragte Simon. „So ein Naturtalent wie Sie läuft nicht lange unentdeckt herum in einer Stadt, in der es eine Musikfakultät und ein bekanntes Orchester gibt.“ </p>



<p>„Ich habe viele Talente“, antwortete Charlotte süffisant und sah Simon tief in die Augen.</p>



<p>Spätestens jetzt war der Tiger vom Jäger zur Beute geworden. Er wusste es nur noch nicht.</p>



<p>Als Simon aufwachte, konnte er sich nicht bewegen und seine Augen waren verbunden. Sein Kopf dröhnte und schmerzte, wie nach einem Heavy Metal Konzert. Seine Erinnerung teilte ihm mit, dass es einige Drinks gab, bevor Charlotte ihn mit zu sich in ihr Apartment genommen hatte. Gleich hinter der Wohnungstür wich sie seiner stürmischen Zunge aus und er ohrfeigte sie so heftig, dass ihr Kopf zur Seite schnappte. Er warf sie aufs Bett und war so geil, wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Mit mahlenden Kieferknochen starrte er bebend auf das wehrlose Mädchen.</p>



<p>Dann fuhr ein Blitz in seinen Kopf und es wurde dunkel.</p>



<p>Jetzt wurde ihm die Augenbinde abgenommen, der Knebel im Mund verblieb an Ort und Stelle, was auch notwendig war, damit er bei dem Anblick nicht alles zusammenschrie. Simon sah auf seine Hände und riss schockiert die Augen auf. Panik hangelte mit eisernen Griffen seine Luftröhre hoch und Tränen erschwerten die Sicht, denn im Halbdunkel vor sich steckten seine Finger im Schnittschwert einer elektrischen Heckenschere. Jeder einzelne fein säuberlich sortiert in einem Zwischenraum der zwei gezahnte Schneidbalken, die mit hoher Geschwindigkeit übereinander gleiten. </p>



<p>Wenn man sie denn einschaltet.</p>



<p>Diese Heckenschere war vorbereitet, die Zweihandbedienung mit Kabelbindern überbrückt. Einzig und allein der Netzstecker fehlte noch und lag vor Simon auf dem Tisch. Ihm gegenüber saß Charlotte mit ihrer blauroten Wange, die sie ihm verdankte.</p>



<p>„Simon, du hast doch gewusst, dass dein kleines Geheimnis dich eines Tages einholt.“ Charlotte steckte sich den Mittelfinger bis zum Ring, den sie trug in den Mund. Sie verharrte einige Sekunden, ohne ihren zornigen Blick von ihm abzuwenden. Dann zog sie ihn langsam durch ihre vollen Lippen wieder heraus. Simon begriff, dass seine Vergangenheit zurück war. Aus dem Dunkeln des Raumes trat eine Frau hinter den Rücken von Charlotte. Simon erkannte sie sofort, es war die hübsche Frau, die er vor zwanzig Jahren unter Drogen gesetzt und vergewaltigt hatte. An dem Abend, als sie ihn um ein Gespräch bat. Die Frau, an die Charlotte ihn in seiner tiefsten abgründigen Seele unweigerlich erinnert hatte.</p>



<p>„Sag Hallo zu meiner Mama, sie hat dir vorhin den Elektroschocker in den Nacken gedrückt, als du mich gefügig schlagen wolltest. Das wirst du ihr doch nicht übelnehmen, du Schwein, oder?“ </p>



<p>Simon schüttelte hektisch den Kopf, er wusste, dass er hier gerade gar nichts zu melden hatte.</p>



<p>„Simon, weißt du, worüber ich damals mit dir sprechen wollte?“, fragte die Frau, die kaum vierzig war und Charlottes Mutter sein sollte. Simon schüttelte hektisch den Kopf, er wusste es nicht.</p>



<p>„Dann kläre ich dich mal auf, mein Freund“, Simon wusste nicht, ob er mehr Angst vor Charlotte oder ihrer Mutter haben sollte. Er schielte immer wieder auf seine Finger in der Heckenschere. Die zehn Finger, die als Pianist das Wertvollste waren, was er im Leben hatte.</p>



<p>„Ich bin das ungewollte Kind einer Staatsanwaltstochter und eines gewissen Klavierlehrers.</p>



<p>“Simon konnte die Schauer nicht zählen, die seinen Körper schüttelten, als sie diese Worte aussprach. Das unfassbare, markerschütternde Beil der Gerechtigkeit traf ihn mitten in seine geteilte Seele. Geteilt durch Vergangenheit und Gegenwart. Alles holte ihn wieder ein. Sein Vater, den er hasste, weil er ihm dieses Verlangen vererbte. Sein Kampf dagegen, der ihn zu einer Art trockenen Alkoholiker der Lust machte.</p>



<p>Er hatte vor zwanzig Jahren seine eigene Halbschwester vergewaltigt, die ihn aufsuchte, um mit ihm zu reden. Simon erstickte fast an der Erkenntnis und an dem Knebel in seinem Mund.</p>



<p>„Du glaubst also, dass du verstanden hast, worum es hier geht?“, Charlotte ergriff wieder das Wort. </p>



<p>Simon nickte. </p>



<p>„Du hältst mich für deine Tochter, das Kind, das du mit deiner Schwester gezeugt hast?“, Charlotte war so erregt, dass sie spucken musste. Simon nickte schluchzend.</p>



<p>„DU HAST JA KEINE AHNUNG!“, schrie Charlotte ihn in Tränen aufgelöst an.</p>



<p>„Ich bin sechzehn und habe einen echten Vater, aber ich stelle dir gern meine ältere Schwester vor.“ Charlottes Mutter fuhr ihre Schwester in den Raum. Im Rollstuhl, unfähig zu gehen und gezeichnet von schweren körperlichen Behinderungen.</p>



<p> „Babette, das da ist dein toller Vater“, sagte Charlotte in einem zutiefst verächtlichen Ton. Sie gab den Stecker und die Steckdose am Verlängerungskabel in Babettes Hände. </p>



<p>„Weißt du, Simon, was Babette kann? Sie kann die Hände zusammenführen, wie beim bekannten Klatschen vom Musikunterricht Dreijähriger und sie hat einen brillanten Geist. Simon war auf dem Weg den Verstand zu verlieren. Seine Augenbinde wurde wieder angelegt. </p>



<p>Babette sagte leise zwei Worte: „Danke Vater!“, dann schob sie die Stecker zusammen. Während sie Simon zurückließen, nässte dieser sich auf der Stelle ein und schrie hinter seinem Knebel gegen die rasselnde Heckenschere an. </p>



<p>Als Simon gefunden wurde, spielte eine Tonaufzeichnung aus einem Lautsprecher in Endlosschleife Geräusche von knirschendem Fleisch und Knochen in einer Heckenschere. Der Musik-Professor hatte sein absolutes Gehör und den Kontakt zur Realwelt verloren. Simon konnte seine Karriere nicht fortsetzen, obwohl er alle Finger behalten hatte. </p>



<p>Das Kabel, das Babette eingesteckt hatte, gehörte nicht zu der Heckenschere, sondern zum Tonwiedergabegerät. </p>



<p>Das Zittern seiner Hände hörte einfach nie wieder auf. Auch seine Frau Elke sah er nie wieder, nachdem sie das Video sah, indem ihr liebevoller Ehemann Simon Charlotte aufs Bett prügelte, bevor ihn der Elektroschocker stoppte.</p>



<p></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/die-verbotene-frau/">Die verbotene Frau</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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		<title>Mondschatten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 16 Oct 2025 18:10:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Emotionales]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Menschliches]]></category>
		<category><![CDATA[Nachdenkliches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Monika war müde vom Tag. Das Büro, die neue Selbstständigkeit zehrte sie aus. Einerseits lebte sie ihren Traum, andererseits fraß</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/mondschatten/">Mondschatten</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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<p>Monika war müde vom Tag. Das Büro, die neue Selbstständigkeit zehrte sie aus. Einerseits lebte sie ihren Traum, andererseits fraß das Geschäft sie mit Haut und Haaren. Obwohl sie von zu Hause arbeitete, rieb sie sich auf. </p>



<p>Der Tod ihrer Mutter Elisabeth kam so unerwartet. Sie sollte helfen und war die ersten Jahre fest eingeplant, so lange bis Monika sich eine Hilfe leisten könnte. Morgens im Büro und nachmittags sollte sie für die kleine Brie da sein. Das war ihr Plan. Der Tod hatte jedoch seinen eigenen Plan für Elisabeth.</p>



<p>Das Landhaus in der Toskana, das ihr Mann hinterlassen hatte, kostete zusätzliche Arbeit, die Monika im Moment noch nicht an einen Gärtner vergeben konnte. Ins Immobiliengeschäft einzusteigen, hier in der Region als Anfänger war nicht nur leichtsinnig, sondern nahezu irrsinnig. Viel zu viele einheimische Makler hatten etwas dagegen.</p>



<p>„Mami, ich habe heute Oma gesehen“, zwitscherte Brie aufgeregt, als Monika sie nach dem Abendessen zu Bett brachte.</p>



<p>„Ach Liebling, du weißt doch, dass Oma gestorben ist und wir sie nicht mehr sehen können.“ Monika war zu müde, um die Bedürfnisse eines trauernden Kindes zu bedienen. </p>



<p>„Sie geht durch den Rosengang&#8230; jeden Abend“, Bries Augen strahlten voller Glück. „Ja, Brie, das war früher. Oma liebte den abendlichen Spaziergang durch den Rosengarten. Aber nun ist sie im Himmel.“</p>



<p>Bries Miene wurde ernst. „Weißt du noch, wie Oma schritt? Sie ist es.“</p>



<p>„Okay, mein Schatz, du hast sicher recht.“ Monika hatte gerade nicht den Nerv mit Brie über die Endlichkeit des Lebens zu diskutieren. </p>



<p>Irgendwann in der Nacht schreckte Monika aus dem Schlaf. Ein Gedanke ließ ihr keine Ruhe. Was hatte Brie gesagt? „Weißt du noch, wie Oma schritt?“ Wie zum Teufel kam sie nur darauf, das Präteritum, also die einfache Vergangenheit, zu wählen? Das war sowohl für sie als auch für jedes andere Kind ungewöhnlich. Kinder sprachen im Perfekt&#8230; der Erzählform. Also hätte sie gesagt: „Weißt du noch, wie Oma durch den Rosengang geschritten ist?“, wäre es plausibel, wobei das Wort „schreiten“ auch keine Kindersprache ist. So sprach höchstens Elisabeth, ihre Mutter.</p>



<p>Monika sprang aus dem Bett und huschte zum Fenster. Im Vollmond lag der Rosengang, durch den drei Schatten auf und ab gingen. Der einer eleganten älteren Dame, der eines stattlichen Mannes und an dessen Hand ein kleines Mädchen. </p>



<p>Monika erkannte, dass Brie recht hatte. Sie stürmte zur Schlafzimmertür, um zu Brie zu gelangen, sei es auch nur um ihr schlafendes Kind liebevoll zu betrachten. Ihre Zimmertür war verschlossen, ohne dass ein Schlüssel steckte. Monika dachte nach, wieso sie sich eingeschlossen hatte, als das Türschloss aufschnappte. Eine Frau in weißer Schwesterntracht stand in der Tür und fuhr Monika schroff an: „Ich habe Ihnen gestern schon gesagt, dass Ihr Mann, Ihre Mutter und Ihre Tochter bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind. Monika, Sie sind auch nicht in der Toskana, sondern in der Klinik ‚Gute Hoffnung‘ im bayrischen Wald. Verdammt nochmal, wie oft soll das noch so gehen?“ </p>



<p>Monika erinnerte sich kurz, brach zusammen und weinte sich aus der Realität in einen fortwährenden Wachtraum. Ein schöner Traum, der ihre unerträglichen Schmerzen fraß.</p>



<p></p>
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		<title>El Padre</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 30 Aug 2025 10:23:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Menschliches]]></category>
		<category><![CDATA[Spannendes]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>1. Franco Er saß in seinem Wagen und hatte die Coke geleert, die Elisa ihm vorhin mit zorniger Miene in</p>
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<h2 class="wp-block-heading">1. Franco</h2>



<p>Er saß in seinem Wagen und hatte die Coke geleert, die Elisa ihm vorhin mit zorniger Miene in der gleichen Papiertüte, wie die Tacos, über den staubigen Parkplatz gebracht hatte. Ein kleiner wütender Smiley, nebst den Buchstaben „fck.u.“, zierte die weiße Tüte, die sie wortlos und ohne ihn anzusehen durch das Seitenfenster reichte.</p>



<p>Höchstwahrscheinlich hatte sie ihm in die Tacos gespuckt, so angepisst, wie sie aussah. Es war ihm egal, Elisa war Familie. Was konnte er dafür, dass sie sich immer wieder mit diesem trotteligen Lackaffen Scott traf, dessen Drecksfinger nichts an ihr und schon gar nichts in ihr zu suchen hatten. Und damit er das endlich auch kapierte, hatte Franco es ihm gestern Abend in seinen verdammten Schädel geprügelt: Lass. Deine. Wichsgriffel. Von. Meiner. Cousine. Verstanden?</p>



<p>Onkel Carlos erwartete von Franco, dass er auf seine Tochter Elisa aufpasste. Und was Onkel Carlos wollte, war hier in der Gegend Gesetz. Die Papiertüte mit allem Verpackungsmüll des Diners flog im hohen Bogen aus Francos Karre, wurde von den staubigen heißen Böen und Windteufeln sofort zerlegt und in alle Himmelsrichtungen dieser verfluchten Wüste verteilt.</p>



<p>Das hier war kein schöner Ort an der „Interstate 25“, zehn Meilen vor Alamogordo, und der schäbige Diner zwischen Agaven, Yuccas, Klapperschlangen und Präriehunden erschien ihm als der Vorhof zur Hölle.</p>



<p>Franco hatte nicht viel übrig für diese Welt. Er hielt sie für eine miese Schlampe, die sich einen Spaß daraus machte, ihre Menschen schlecht zu behandeln. Es vergnüglich fand, sie unter Bergrutschen zu begraben oder von Tsunamis überrollen, Tornados erschlagen, in Massen verhungern oder einem angeblichen Schicksal heimsuchen zu lassen – wie zum Beispiel dem seiner Mutter, die vor den Augen eines Zehnjährigen langsam an Krebs verreckte. Diese Welt hatte Franco Zeit seines Lebens im Stich gelassen. Warum sollte er in Gottes Namen auch nur irgendetwas Gutes für diesen Planeten übrig haben? Sie konnte ruhig seinen Müll fressen. Außerdem gab es seit ein paar Tagen noch diesen süßen zweiten Grund, den Müll mit einem Lächeln aus dem Fenster zu werfen.</p>



<p>Franco glaubte nicht an das üblicherweise anerkannte Wenn/Dann-Denken. Nichts hatte scheinbar Konsequenzen. Kausalitätsüberlegungen waren für regeltreue Dummköpfe. Man musste nur die Augen aufmachen und die Realitäten dieser ungerechten Erdkugel erkennen: Je rücksichtsloser man auf ihr agierte, desto besser kam man mit ihr klar. Onkel Carlos war doch das beste Beispiel.</p>



<p>Hier herumzustehen und ein Auge auf Elisa zu haben, war eine Pflicht, die er Franco abverlangte. Er hatte ihn nach dem Tod seiner Mutter großgezogen und bezahlte auch den Schlitten, den Franco fuhr. Aufpassen, das tat er immer nachmittags, wenn Elisa die Spätschicht im Diner hatte. Sie musste genauso in einem einfachen Job arbeiten wie er selbst auch, morgens im Pflegeheim.</p>



<p>Franco betreute dort behinderte Menschen und ehrlicherweise tat er das sogar gern. Er sah einen Sinn darin, hilflose Menschen zu waschen, anzuziehen und zu füttern, mit ihnen zu kommunizieren und auf sie einzugehen. Menschen, die ebenfalls von der Welt um ihr Glück beschissen wurden. So wie er. Am meisten mochte er Carla. Sie war die Essenz eines guten Menschen. Vereinte Dinge wie Unbekümmertheit, Vertrauen, Unschuld, Ehrlichkeit, Zuneigung, Schweigsamkeit in sich. Wie Aquamarine strahlten ihre Augen Carlos an und obwohl sie etwas zu eng standen und sich ihre Blickachsen einen Hauch nach innen neigten, liebte Franco es, in den Inbegriff der Verletzlichkeit hinein zu sehen. Einzutauchen in eine Welt ohne Neid, ohne Häme, ohne Angst. Genau das strahlten ihre Augen aus, obwohl Carla derartig von dieser Welt verarscht wurde.</p>



<p>In diesem Moment wurde Franco aus seinen Gedanken gerissen, denn Elisa trommelte auf seine Haube. »Du dummes Arschloch, warum hast du Scott verprügelt?« Sie hatte wohl gerade Feierabend und war richtig geladen.</p>



<p>Zeitgleich klopfte es am Seitenfenster, in dem ein staubiger, abgeschrappter Coke-Becher auftauchte – in der Hand einer ernst blickenden, blauäugigen Polizistin der Highway Patrol. Im linken Rückspiegel nahm Franco die Staubwolke hinter dem bordeauxroten Cadillac von Onkel Carlos wahr, der gerade auf den Parkplatz des Diners abbog, um Elisa abzuholen, wie jeden Abend.</p>



<p>Von vorne, in Elisas Rücken, setzte sich eine dunkle S-Klasse mit getönten Scheiben in Bewegung, die Franco hier draußen noch nie gesehen hatte. Langsam und unheilvoll.</p>



<p>»Elisa … Elisa«, rief eine Stimme von rechts. Wo in Gottes Namen kam ausgerechnet jetzt dieser bescheuerte Scott mit seinem geschwollenen Gesicht her? Francos Alarmglocken klingelten so schrill wie Elisas Stimme, die sich vor Zorn überschlug. Sein Blick schweifte wie in Zeitlupe von der hübschen Polizistin im linken Seitenfenster über den Rückspiegel mit Onkel Carlos’ Cadillac zu der ausrastenden Elisa vor seiner Motorhaube, dem rechts vorne herannahenden Benz bis hin zu Scott, der im Rahmen des rechten Seitenfensters heran stürzte.</p>



<p>Wenige Sekunden später ging es auf dem Parkplatz des Highway-Diners „El Pinto“ in New Mexicos Ausläufern der Chihuahua-Wüste wie aus heiterem Himmel drunter und drüber! Und um Leben und Tod!</p>



<p>&#8212;</p>



<h2 class="wp-block-heading">2. Carlos</h2>



<p>»Was soll das, Julio? Du bist mein bester Freund, aber wie ich meine Kinder erziehe, geht dich nichts an!« Carlos nippte an einem Drink und sah seinen Sandkastenkumpel und Vertrauten Julio sehr ernst an.</p>



<p>»Franco ist nicht dein Kind«, erwiderte Julio, in dem Wissen, dass er seinen Boss nicht daran erinnern musste. »Er ist der Sohn meiner toten Schwester und somit unter meiner Verantwortung.«</p>



<p>»Ach, Carlos, die Kinder sind längst über zwanzig, und ich habe sie auch mit großgezogen. Warum lässt du sie in so miesen Jobs arbeiten, anstatt sie in der Firma einzusetzen? Du könntest beide sehr gut gebrauchen.«</p>



<p>»Weil sie Latino-Kinder sind. Sie müssen lernen, sich in dieser feindlichen Gesellschaft durchzuboxen und auf eigenen Beinen zu stehen.«</p>



<p>Carlos stürzte den Rest des Drinks runter. »Wer weiß, wie viel Zeit ich mit ihnen habe und wie lange diese ehrenwerte Firma existiert.«</p>



<p>Julio dachte an Anita. Als Carlos’ Frau noch lebte, war alles einfacher. Anita … wie sehr er sie geliebt hatte. Die Frau, die alles im Gleichgewicht hielt. Sollte Carlos jemals von ihrem Seitensprung vor zweiundzwanzig Jahren erfahren, wäre Julio ein toter Mann. Jede Freundschaft hatte ihre Grenzen. Und manche Dinge verjährten nicht. Carlos durfte nie erfahren, dass Elisa nicht von ihm ist. Anita nahm das Geheimnis mit ins Grab und Julio plante dasselbe. Obwohl es ihm das Herz zerriss, wenn er seine Tochter ansah. Er konnte ihr nicht mitteilen, dass er ihr richtiger Vater war, aber er würde niemals zulassen, dass ihr etwas passiert.</p>



<p>Aber Franco war für den Job gewiss nicht geeignet. Er war nur ein halbstarker Idiot. Carlos verdrängte, dass es ganz anderer Fähigkeiten bedurfte, um jemanden effektiv zu beschützen. Julio kannte Männer mit solchen Fähigkeiten.</p>



<p>»Hol den Wagen, Julio. Elisa hat in zwanzig Minuten Feierabend.« Einige Minuten später waren sie auf der Interstate unterwegs, um zum El Pinto zu fahren und Elisa von ihrer Spätschicht abzuholen.</p>



<p>»Wirst du dich jemals von der alten Karre trennen, Carlos?«, scherzte Julio am Lenkrad und sah Carlos im Rückspiegel lachend an.</p>



<p>»Nein.« Dazu hingen viel zu viele Erinnerungen an dem alten Caddy. Carlos strich zärtlich mit der Hand über Anitas leeren Platz neben ihm auf der Rückbank, die mit weichem roten Leder bezogen war. So brüchig, wie Carlos Seele seit Anitas Verlust.</p>



<p>Er war ein mieser Ehemann. Hatte Anita häufig betrogen. Jetzt, wo sie nicht mehr da war, würde Carlos die Zeit gerne zurückdrehen und die Dinge anders machen. Jedoch war es zu spät.</p>



<p>Sie bogen auf den Parkplatz des El Pinto ein, und Julio sah sofort den Streifenwagen, der schräg hinter Franco stand, und die Polizistin an seinem Seitenfenster.</p>



<p>»Es gibt Ärger, Carlos. Die Bullen sind bei Franco!«</p>



<p>»Fahr langsam auf die andere Seite. Ganz ruhig!«, entgegnete Carlos. Dann schrie er panisch: »Oh mein Gott … Julio … irgendjemand schießt!«</p>



<p>&#8212;</p>



<h2 class="wp-block-heading">3. Elisa</h2>



<p>Sie wusste, seit ihrem achten Lebensjahr, dass Julio ihr richtiger Vater war. Mindestens ein Dutzend Mal hatte ihre Mutter es nicht verneint, wenn sie nachfragte. Niemand kann das Gespür eines heranwachsenden Mädchens täuschen, und je älter Elisa wurde, desto stärker spürte sie, wie ähnlich sie Julio wurde. Erwachsene ließen sich leicht täuschen, sie glaubten nur, was sie glauben wollten. Aber Kinder doch nicht.</p>



<p>Sie spielte die Nummer mit. Carlos war ein jähzorniger Hund, dessen Ehre über allem stand. Deswegen mochte er Scott auch nicht. Scott war weiß, und man blieb besser unter sich in Carlos’ Denkschule. Frauen hatten ihre zugeteilte Rolle auszufüllen.</p>



<p>»Hör zu, Elisa. In Zukunft wird Franco vor dem Diner sein und auf dich achtgeben. Bringe ihm dafür täglich eine warme Mahlzeit raus, verstanden?«</p>



<p>»Natürlich, Daddy, mache ich.«</p>



<p>Am Arsch. Sie hasste es, permanent unter Kontrolle zu sein. Carlos suchte den Job aus, in dem ihr gierige Trucker, die sich Tage lang nicht gewaschen hatten, permanent auf den Hintern glotzten, während sie nach Kaffee und Rühreiern blökten.</p>



<p>Elisa würde ausbrechen, und den passenden Partner hatte sie mit Scott bereits gefunden. Beide träumten von einem gemeinsamen Leben, weit entfernt von Carlos. Seit Mutter starb, hielt sie nichts mehr in New Mexico. Ein Haus voller Kinder, vielleicht in Kalifornien – das war es, was Elisa sich wünschte.</p>



<p>Und nachdem Franco gestern Abend Scott vermöbelt hatte, würde sie heute die Bombe platzen lassen. Kurz dachte sie darüber nach, mittags in Francos Tacos zu spucken, aber so mies war sie nicht.</p>



<p>Jetzt, da sie Feierabend hatte, rannte sie aus dem Diner zu Francos Karre und stellte ihn zur Rede. »Warum hast du Scott verprügelt, du dummes Arschloch?«, schrie sie heiser und boxte mit beiden Fäusten auf die Haube des schwarzen Mustang.</p>



<p>»Hohoho, ganz ruhig, junge Dame.« Elisa hatte die junge Polizistin, die mit einem alten Coke-Becher an Francos Seitenscheibe stand, in ihrer Wut gar nicht bemerkt. Wieso griff sie hektisch nach ihrer Waffe? Dann schlug ihr jemand von hinten mit einem Knüppel auf den Oberschenkel, und sie sackte langsam auf der Haube zusammen.</p>



<p>&#8212;</p>



<h2 class="wp-block-heading">4. Eva</h2>



<p>Eva saß neben ihrer Schwester, die beharrlich schwieg und freundlich lächelte. Es brach ihr das Herz, dass sie nicht mit ihr reden konnte. Carla, drei Jahre älter als Eva, konnte ihr nie die große Schwester sein, die Eva sich oftmals gewünscht hatte. Die sie als Kind tröstete, wenn sie sich die Knie aufgeschlagen hatte. Die die Jungs ihrer Klasse, die sie hänselten, verprügelte. Die ihr Tipps gab, als sie in die Pubertät kam.</p>



<p>Gott sei Dank gab es seit kurzem diesen besonderen Jungen, der sich hier mit einer Naturgabe, wie Eva sie noch bei niemandem gesehen hatte, um die behinderten Menschen kümmerte.</p>



<p>Dass Franco im Wohnheim morgens seinen Dienst verrichtete, beruhigte sie sehr, und so konnte sie sorgenfrei ihre Arbeit bei der Verkehrspolizei tun, für ein kleines Gehalt, das kaum reichte, um Carlas Platz in der Einrichtung zu finanzieren.</p>



<p>Der Mustang stand am Abend an der gleichen Stelle wie immer, und Eva lenkte ihren Streifenwagen lautlos in seinen toten Winkel. Der Coke-Becher wurde ihr direkt vor den Fuß geweht, nachdem sie leise die Tür geöffnet und ihren linken Stiefel auf den sandigen Wüstenboden gesetzt hatte. Sie stieg aus und griff nach dem Becher. Als sie sich an Franco anschlich, kribbelte es in ihrem Bauch.</p>



<p>Täglich wiederholten sie das kleine Rollenspiel der Umwelterziehung, um heftig miteinander zu flirten. »Guten Abend, Führerschein und Zulassung bitte! Wenn Sie hier Ihren Müll in die Natur werfen, bin ich gezwungen, Sie zu verhaften.«</p>



<p>Sie mochte Franco sehr und konnte sich durchaus mehr mit ihm vorstellen. Er war jemand, der sein eigenes Verhalten nicht von dem Verhalten anderer abhängig machte. Er mochte Menschen, nur nicht die Welt an sich. Seine negative Einstellung der Welt gegenüber würde sie ihm schon abgewöhnen – wenn er endlich einmal im Leben Glück erfuhr. Vielleicht könnte sie irgendwann sein Glück werden.</p>



<p>Diese Furie kam mitten über den Parkplatz gerannt und boxte auf die Haube des Mustangs. »Wieso hast du Scott verprügelt, du dummes Arschloch«, blaffte die junge schwarzgelockte Frau durch die Windschutzscheibe.</p>



<p>»Hohoho, ganz ruhig, junge Dame«, erwiderte Eva in dem Moment, als sie gerade gegen die Seitenscheibe geklopft hatte. Hinter der wildgewordenen Latina, die stinksauer zu sein schien, nahm Eva den rollenden Daimler wahr, dessen dunkle Beifahrerscheibe sich gerade herabsenkte und den Blick in den Lauf einer Maschinenpistole freigab. Sie griff an ihr Holster, um die Dienstwaffe zu ziehen, aber Eva hatte keine Chance.</p>



<p>&#8212;</p>



<h2 class="wp-block-heading">5. Pablo</h2>



<p>Pablo ging davon aus, dass die Anzahl an Halbgeschwistern in New Mexico hoch war, aber scheinbar war er der einzige, der sich etwas geschworen hatte: den Schwur, seinen Vater zur Hölle zu schicken, sobald er die Gelegenheit dazu bekäme. Pablo beschloss, Carlos zu töten, als er neun Jahre alt war. Carlos hatte das Leben seiner Mutter und damit auch seines ruiniert. Warum sonst hatte seine Mutter sich wohl zu Grunde gesoffen und war vor seinen Kinderaugen in wenigen Wochen vergilbt und schließlich innerlich aufgeplatzt? Als er sie nach der Schule fand, lag sie da. Ausgelaufen aus ihren Körperöffnungen, wie eine Packung Kirschsaft. Der Moment, als Pablo sich schwor, Rache zu nehmen. An dem Mann, der alle seine Affären fallen ließ, wie heiße Kartoffeln, und sich nie wieder darum scherte, was er angerichtet hatte.</p>



<p>Heute war es soweit. Der siebzehnjährige Pablo wartete darauf, dass Carlos auf den Parkplatz des El Pinto fuhr, rollte langsam in der Fahrstufe D mit der geklauten S-Klasse aus seinem Versteck hervor und ballerte mit der Ingram M11 in Richtung des bordeauxroten Cadillac, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, was und wer sich in seiner Schussbahn aufhielt.</p>



<p>Das kleine Ding schlug um sich wie der besessene Belzebub, aber angesichts der Quantität des Auswurfes war Treffsicherheit hier nur zweitrangig. Pablo schaffte drei oder vier Salven, bevor sein Kopf wie von einer Zange gegriffen, rausgezerrt und über der Fensterunterkante der Fahrertür so heftig verbogen wurde, bis es laut knackte. </p>



<p>Stille.</p>



<p>&#8212;</p>



<h2 class="wp-block-heading">6. Scott</h2>



<p>Schluss mit der Geheimniskrämerei.</p>



<p>Elisa musste endlich wissen, dass Julio ihn vor sechs Monaten angeheuert hatte, um auf sie aufzupassen. Noch einmal würde er sich von der Niete Franco nicht verprügeln lassen, obwohl er ihn mit zwei Griffen leicht hätte töten können – Fähigkeiten, die er beim Militär unter Sergeant Julio Gomez gelernt hatte, noch bevor er in den ärztlichen Dienst wechselte.</p>



<p>Natürlich nahm er nur ein paar Scheintreffer von Francos langsamen Fäusten hin, damit dieser zufrieden war. Peinlich war es trotzdem. Seine Liebe zu Elisa war echt, und er wusste, dass sie heute etwas Dummes anstellen würde. Sie war außer sich vor Wut auf Franco und Carlos.</p>



<p>Scott erreichte den Parkplatz des El Pinto spät und sah Elisa bereits wutschnaubend zu Francos Mustang stürmen, noch bevor er selbst geparkt hatte. Mit blockierenden Reifen kam er zum Stehen, hechtete hinter seiner Freundin her, rief zweimal ihren Namen. Der schwarze Benz rollte zwischen ihn und Elisa.</p>



<p>Seine militärischen Kenntnisse aus der Spezialeinheit halfen ihm, die Situation blitzschnell zu erfassen. Fast zeitgleich nahm er den roten Cadillac und die Polizistin wahr, als die Maschinenpistole losging.</p>



<p>Das erste Projektil traf Elisa von hinten am Oberschenkel, die nachfolgende Salve überrollte die Polizistin. Ihr kleiner Körper wurde meterweit nach hinten geschleudert und blieb schlaff liegen. Elisa rutschte langsam an der Motorhaube des Mustangs zu Boden. »Verdammt, das Baby!« Sie begriff kaum, was ihr geschah. Ihr Blick ruhte auf dem Cadillac ihres Vaters, der im nächsten Moment ebenfalls getroffen wurde. Franco starrte mit großen Augen und offenem Mund auf den vorbeirollenden Benz, wirkte aber unverletzt.</p>



<p>Eine zweite Salve peitschte in die Prärie. Scott musste zuerst den Schützen ausschalten. Er jagte im Vollsprint hinter dem Mercedes her, kam ihm von hinten links näher. Der Attentäter schoss nach rechts aus dem Seitenfenster. Scott sah die dritte Salve quer über den Cadillac pflügen. Als die vierte Salve losging, hatte er die S-Klasse erreicht.</p>



<p>Er griff durch die abgesenkte Scheibe über die Schulter des Schützen, packte Pablos Kinn mit eisernen Fingern und zog seinen Kopf nach hinten, um mit der zweiten Hand einen Zangengriff anzusetzen. Nach den physikalischen Regeln des Hebelgesetzes zogen seine neunzig Kilo nun auf der Kraftseite am Kopf des Schützen. Pablo hatte nichts entgegenzusetzen. Die vierte Salve prasselte durch das Dach des Benz in den Himmel, und noch bevor sie endete, brach Pablos Genick laut knackend.</p>



<p>Kurze Stille nach dem ohrenbetäubenden Lärm der Schüsse. Dann kamen Schreie hoch in Scotts Wahrnehmung.</p>



<p>Scott ließ los. Der Benz rollte mit dem schlackernden Kopf am Seitenfenster weiter. Irgendwann würde ein Kaktus im Weg stehen. Scott musterte die Szene: Elisas Oberschenkel pumpte rhythmisch Blut aus der Wunde. Zu viel Blut. Vielleicht zehn Minuten bis sie verblutet wäre. Sie und ihr gemeinsames Baby.</p>



<p>Die Polizistin trug eine schusssichere Weste. Sie bewegte sich nicht – ein schlechtes Zeichen. Scotts Blick glitt über Carlos Caddy. Julio hatte sich im Sitz aufgerichtet, die Kugeln für Carlos abgefangen. Nun saß er zusammengesackt hinter der geplatzten Windschutzscheibe. Er lebte noch, überleben würde er keinesfalls.</p>



<p>Ein erster Gast streckte die Nase aus dem Diner. Scott schrie ihn an:</p>



<p>»Bringt frische Tücher, Cachasa und ruft die Rettung! Drei bis fünf Schwerverletzte durch Schüsse!«</p>



<p>Franco kroch unverletzt aus seinem zerschossenen Mustang und jammerte:</p>



<p>»Eva … Eva …«</p>



<p>Der Gast aus dem Diner kam mit Tüchern und hochprozentigem Zuckerrohrschnaps.</p>



<p>Scott schrie Franco an:</p>



<p>»Hierher, Franco! Wenn du willst, dass deine Cousine und deine Freundin am Leben bleiben, dann komm gefälligst her!«</p>



<p>Franco folgte den Anweisungen, überrascht von Scotts bestimmender Art.</p>



<p>»Hand her!«, fauchte Scott und schüttete die halbe Flasche Cachasa über Francos rechte Hand. In der Ferne heulten Sirenen.</p>



<p>Scott kniete über Elisa, nahm Francos Zeigefinger und schob ihn bis zum Ansatz in die Wunde ihres Oberschenkels. Der Blutstrom ließ nach.</p>



<p>»Wenn du willst, dass sie lebt, nimmst du den Finger erst raus, wenn ein Arzt es im OP erlaubt, verstanden?«</p>



<p>Franco nickte.</p>



<p>»Was ist mit Eva?«, keuchte er.</p>



<p>»Rette meine Freundin, und ich tue alles, um deine zu retten, kapiert?« Franco nickte ein zweites Mal.</p>



<p>Scott eilte zu Eva. Sie sah übel aus. Fast eine ganze Salve hatte sie niedergemäht. Die Weste schützte ihren Torso, doch ihr Becken war zertrümmert, der Kopf hatte nur einen Streifschuss abbekommen – Gott sei Dank -ein Treffer hätte sie sofort getötet. Ihre Chancen standen trotzdem schlecht.</p>



<p>Polizei und zwei Rettungswagen trafen ein. Zwei Rettungswagen für dieses komplette Desaster. Verdammtes New Mexico. Eva wurde eingeladen, Scott blieb bei ihr.</p>



<p>»Ich bin Arzt.« Die Rettungssanitäter zweifelten nicht.</p>



<p>Der zweite Wagen nahm Elisa auf, mit ihr Franco, dessen Finger sie am Leben hielt. Die Retter bestätigten ihm, er dürfe sich nicht bewegen, bis ein Arzt etwas anderes anordnet. Für Julio kam jede Hilfe zu spät. Carlos kroch auf allen Vieren, paralysiert, über den Parkplatz. Er hatte erschütternde Dinge gesehen, die ihn aus der Balance warfen.</p>



<p>Die Fahrt nach Alamogordo erschien Franco endlos. Er redete unentwegt auf die halbbewusstlose Elisa ein, dass alles gut werde und er sie liebe. Ahnungslos, dass sie Scotts Kind in sich trug.</p>



<p>»Lass mich nicht sterben, Franco«, schluchzte sie zwischen zwei Welten.</p>



<p>Plötzlich fuhr der Rettungswagen langsamer, hielt an.</p>



<p>»Was ist los?«, schrie Franco.</p>



<p>»Wir können unmöglich schon da sein!«</p>



<p>Die Schiebetür wurde aufgerissen. Scott stand halb im Wagen.</p>



<p>»Verdammte Scheiße, unsere Karre ist heiß gelaufen. Das hier hing die ganze Fahrt vor unserem Kühler!«</p>



<p>Er wedelte wütend mit etwas Weißem. Franco erkannte es sofort: die Papiertüte mit Elisas Smiley und der „fck.u“-Notiz, die er achtlos aus dem Auto geworfen hatte. Sein Blut gefror.</p>



<p>Er war verantwortlich, wenn Eva sterben würde und Carla für immer allein blieb. Eva, die ihm täglich klar machte, Müll nicht in die Natur zu werfen. Eva, die fasziniert zusah, wie er sich um behinderte Menschen kümmerte. Er liebte sie – genau in diesem Moment wurde ihm das noch mehr bewusst.</p>



<p>»Ihr fahrt weiter«, bestimmte Scott.</p>



<p>»Nein, nein warte! Was ist mit Eva?« Franco blickte ihn verzweifelt an.</p>



<p>»Sie ist Polizistin und würde wollen, dass Elisa zuerst versorgt wird. Außerdem ist Elisa schwanger.«</p>



<p>Scott hatte die Triage längst vollzogen.</p>



<p>»Wie geht es ihr?«</p>



<p>»Sie kämpft, aber es sieht nicht gut aus.«</p>



<p>Scott schob die Schiebetür zu, klopfte auf das Blech als Zeichen, dass weitergefahren werden konnte. Dann stieg er in den lahmgelegten Rettungswagen und hatte keinesfalls vor, Eva kampflos aufzugeben.</p>



<p>&#8212;</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein Jahr später</h2>



<p>Scott lag im Bett, streichelte zärtlich über Elisas sternförmige Narbe am Oberschenkel.</p>



<p>»Schatz, wie spät ist es in Phoenix?«, fragte er beiläufig und wählte Francos Nummer.</p>



<p>»Hi Franco, hier ist Scott.«</p>



<p>»Hey, Muchacho, wie ist das Leben in Kalifornien als berühmtester Unfallarzt der Vereinigten Staaten?«</p>



<p>Franco lachte, konnte Scotts errötendes Gesicht vor sich sehen.</p>



<p>»Wirklich gut. Das Krankenhaus ist toll, Elisa hat ein Wirtschafts-Studium begonnen, das überwiegend online läuft. So kann sie sich gleichzeitig um Klein-Julio kümmern – er macht sich großartig. Aber ich rufe eigentlich wegen meiner Lieblingspatientin an. Wie geht es Eva?«</p>



<p>Gerade in dem Moment kam Eva mühsam mit dem Rollator ins Wohnzimmer.</p>



<p>»Eva läuft fast alleine!« rief sie selbst. »Du bist auf Lautsprecher, Scott.«</p>



<p>Tränen stiegen in Scotts Augen.</p>



<p>»Danke, Scott, danke für alles. Die Ärzte sagen, ich werde wieder, auch wenn es noch eine Weile dauert.« Sie holte kurz Luft.</p>



<p>»Habt ihr etwas von Carlos gehört?«</p>



<p>Elisa sprach jetzt:</p>



<p>»Es geht ihm gut. Er versucht, einige Dinge zu regeln, die er in seinem Leben falsch gemacht hat. Er besucht nach und nach seine früheren Affären, um herauszufinden, ob es Kinder gibt, die er vernachlässigt hat. Das ist gerade das Wichtigste für ihn.</p>



<p>Auch wir haben uns versöhnt.«</p>



<p>Sie schwieg über Julio, soweit war sie noch nicht.</p>



<p>Eva und Franco lächelten sich erleichtert an.</p>



<p>»Das soll er tun. Jeder hat eine zweite Chance verdient. Wir hoffen, dass er noch etwas findet, das ihn glücklich macht.«</p>



<p>Eva schluckte kurz und sprach dann weiter.</p>



<p>»Und sag ihm bitte, wie dankbar wir sind, dass Carla mit uns nach Phoenix gehen konnte und diesen wunderschönen Platz in der Einrichtung hat, in der Franco arbeitet. Wir sind sehr glücklich.«</p>



<p>&#8212;</p>



<h2 class="wp-block-heading">Epilog</h2>



<p>Julio rang um seine letzten Atemzüge in dem zerschossenen, alten bordeuxroten Cadillac, mit dem er seit zwanzig Jahren Carlos kutschierte und belog. Das Letzte, was er sah, war seine verletzte Tochter Elisa auf der Haube des Mustangs. Sie blickte ihn traurig an und formte die Worte:</p>



<p>»Love you Daddy.«</p>



<p>Er lächelte sie mit einem Blick an, der wirkte, als nähme sie ihm gerade eine schwere Last von der Seele.</p>



<p>Dann ließ er los.</p>
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		<title>Achtsam</title>
		<link>https://stephan-heider.de/achtsam/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 08 Jul 2025 21:32:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Emotionales]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Menschliches]]></category>
		<category><![CDATA[Nachdenkliches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Dass sie der unerwartete Tod ihrer Tochter so dermaßen aus der Bahn warf, lag in erster Linie an der Abruptheit</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/achtsam/">Achtsam</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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<p>Dass sie der unerwartete Tod ihrer Tochter so dermaßen aus der Bahn warf, lag in erster Linie an der Abruptheit ihres Todes. Aber viel mehr noch an der Tatsache, dass Meret am Morgen des Unfalls dem pubertierenden Teenager hinterher geschrien hatte: </p>



<p>„ICH HASSE DICH!“ </p>



<p>Der Streit war nichtig. Ihre letzten Worte an Pina waren es nicht. Sie waren so bedeutsam, wie der Sicherungsbolzen einer Guillotine, den Meret beiläufig und unbedacht hinausgezogen hatte, während Pinas Kopf darin steckte. </p>



<p>Meret schrie wieder heiser in ihr Kissen, nachdem der Nachtalb ihre aufbäumende Kehle zugeritten hatte, bis sie in Schweiß und Tränen aufwachte, wie jede Nacht. Auch acht Wochen danach. </p>



<p>Und wie jede Nacht versprach sie sich erneut, sich heute ausbluten zu lassen oder zumindest vom Dach zu springen. Meret war in der Hölle, obwohl sie noch lebte.</p>



<p>„ICH HASSE DICH!“, schallte ihre Stimme über die erwachende Straße der Siedlung und überschlug sich dabei. Nachbarn blieben stehen und schauten kopfschüttelnd hoch zu ihrem Küchenfenster. Der Moment, als die Zeit wenige Sekunden stehen blieb. Pina war auf ihr Rad gestiegen und drehte sich noch einmal um. Ihre Augen antworteten stumm: „Mama, ich liebe dich, aber kann gerade nicht reden. Wir klären das heute Abend.“ </p>



<p>Meret fuhr ein Schwert durchs Herz, als Pina sich wortlos abwandte und zur Schule aufbrach, in der sie nie ankam. Diese Szene lief für sie in einer Endlosschleife ab.</p>



<p>„Wenn man lebendig ins Fegefeuer geraten kann“, dachte sie. Ihr Blick verschwamm und sie fand sich erneut schreiend am Küchenfenster wieder.</p>



<p>„ICH HASSE DICH!“</p>



<p>Das waren ernsthaft die letzten Worte an ihr Kind. Das Kind, dass sie so liebte. Eine dumme, emotionale Sekunde, in der die Nerven einer sorgenvollen Mutter durchgingen und zum ersten Mal die Worte in den Tag nicht waren: </p>



<p>„Hab dich lieb, pass auf dich auf.“ </p>



<p>Meret hasste sich so sehr für diese eine Schwäche, dass sie ihre tränenden Augen nicht mehr schloss, in der Hoffnung, dass sie ihr aus den Höhlen brennen würden.</p>



<p>Die sanfte und kühle Berührung ihrer Lider empfand sie angenehm wohltuend und weckte ihre Aufmerksamkeit. Die Berührung duftete nach Pina, zart und frisch. Meret glitt durch einen Tunnel, an dessen Ende ein diffuses Licht wartete. Sie nahm eine Stimme und ein sich langsam formendes Wort wahr.</p>



<p>„Mama&#8230;. Mama“ &#8230; ein Schluchzen.</p>



<p>Meret schlug ihre brennenden Augen auf, die Pina acht Wochen mit Salbe gepflegt hatte. Ein wunderschöner Traum, Pina saß seitlich auf ihrem Bett. „Pina, bin ich endlich tot?“</p>



<p>„Oh nein, Mami, Gott sei Dank nicht. Du hattest einen Unfall und warst acht Wochen im Koma.“ Pina brach weinend auf ihrer geliebten Mutter zusammen.</p>



<p>„Es tut mir so leid, Mami, dass wir im Streit auseinander gegangen sind. Das passiert niemals wieder.“</p>
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		<title>Thrill</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 08 Jun 2025 22:09:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Spannendes]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das Taxi verlangsamte seine Fahrt in der engen Schlucht der Altstadtgasse und kam im Laternenschein auf dem regennassen Kopfsteinpflaster zum</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/thrill/">Thrill</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Das Taxi verlangsamte seine Fahrt in der engen Schlucht der Altstadtgasse und kam im Laternenschein auf dem regennassen Kopfsteinpflaster zum Stehen. Tom zahlte und kniff der kichernden jungen Frau beim Aussteigen in den makellosen Po.</p>



<p>„Hey du, na warte ab“, lachte sie und lupfte für einen kleinen Moment ihr kurzes Sommerkleidchen, bevor sie begann, die Haustür aufzuschließen. Tom holte die Schöne im Hauseingang ein und nahm zärtlich ihre Schultern in seine Hände. Sie drehte sich in seinen Arm und küsste ihn lustvoll, als die Haustür aufsprang und das Paar in den Flur strauchelte. Ihre heftigen Küsse wechselten in ausgelassenes Gelächter. Sie bückte sich, um ihre unbequemen Stilettos in die Hand zu nehmen und die Linoleumtreppe hinaufzulaufen zu ihrer Wohnung im ersten Stock. </p>



<p>Der winzige Augenblick der Verwunderung über das hakelnde Schloss der Wohnungstür verflog mit seinen Worten: „Du bist so dermaßen heiß, Ann Smilla Petersen.“ Sie lachte ihn umwerfend sexy an, schob die Tür auf und huschte in die dunkle Wohnung. „Geh schon mal rein und fühl dich wie zu Hause. Ich verschwinde nur mal kurz im Bad. Nächste reeechts“, hörte Tom noch, bevor sie hinter der ersten Tür auf der linken Seite verschwand. Tom konnte sein Glück kaum fassen. Als er vor zwei Stunden allein in den Club gegangen war, hätte er keinen Cent darauf verwettet, dass er heute noch mit so einer Traumfrau in ihre Wohnung fahren und darüber hinaus noch zum Stich kommen würde. </p>



<p>Er trat in den langen dunklen Flur ein und folgte dem Lichtschein, der ihn zum nächsten Zimmer lockte. Durch den Türrahmen erspähte er den Wohnbereich mit offener Küche und einer indirekt hinterleuchteten gemütlichen Sitzgruppe. Tom schob den Kopf nach vorne, um sich besser umschauen zu können und spürte einen stechenden Blitz hinter den Augen.</p>



<p>Smilla schmiss sich ein paar Hände kaltes Wasser ins Gesicht, kam vom Waschbecken hoch und sah sich zufrieden ihr Spiegelbild an. Sie mochte ihre vollen Lippen und die grünen Augen, die geheimnisvoll hinter dem blonden Fransenpony leuchteten. Minutenlang verharrte sie, bis ihr sanftes Lächeln zu einer harten Maske geworden war. Dann ging es schnell. Das Sommerkleid glitt an ihr herab und landete per Fußtritt in der Wäscheecke. Ihre lange Mähne verwandelte sich in Windeseile in einen aufgedrehten Zopf. Dann flogen auch Slip und BH dem Kleid nach, sie wollte sich doch an dem Arschloch nicht die Klamotten ruinieren. Außerdem würde Tom wohl nicht so schnell Verdacht schöpfen, wenn sie nackt aus dem Bad käme, anstatt im Papieroverall mit Kapuze und Latexhandschuhen. </p>



<p>In Gedanken ging sie durch, ob alles an seinem Platz war. Äther, Stofflappen, Kabelbinder, Geflügelschere, Zigarrenschneider, Gummischlauch, Knebel, Panzerklebeband und natürlich der Elektrotaser, falls der Trottel völlig ausrasten würde. Sie hatte alles perfekt platziert. Dann öffnete sie den Alibert und nahm ihr Lieblingsspielzeug heraus. Das kleine klappbare Rasiermesser aus gefaltetem Damaszenerstahl blitzte unter der Spiegelschrankbeleuchtung auf. Sie klappte es zusammen und klebte es sorgsam mit einem Streifen Sporttape in ihre rechte Kniekehle. Erregt dachte sie an Toms Blut auf ihrer nackten Haut, wenn sie ihn aus der seinen schälen würde.</p>



<p>Seit sie dieser abgründigen Lust zu morden nachgab, war sie ein anderer Mensch. Unfähig, dem unbändigen Trieb zu widerstehen. Nach einem letzten Blick in den Spiegel und einem halben Dutzend kräftiger Atemzüge öffnete sie die Badezimmertür und dachte: „Ann Smilla Petersen, du mieses kleines Stück…lass uns Spaß haben.“ Ihr Nebennierenmark feuerte glühende Adrenalinsalven in den schweißglänzenden Luxuskörper der Psychokillerin.</p>



<p>Sie schlich in den dunklen Flur. Auf ihren nackten Füßen glitt sie kurz vor Erreichen des Wohnzimmers bei jedem Schritt auf irgendetwas Breiigem seitlich weg.</p>



<p>„Tom?“, rief sie vorsichtig, während ihre Augen versuchten zu erkennen, was ihr auf den dunklen Bodenfliesen das Laufen so erschwerte. Je näher sie dem Wohnzimmer kam, desto glitschiger wurde es, zumal sich der Brei zwischen den Zehen hochdrückte. Was hatte der Dummkopf hier verschüttet? Es fühlte sich ein wenig an, wie ein Joghurt mit Nusssplittern, was da unter ihren Füßen klebte. Aber dafür war die Masse deutlich zu warm. Der Joghurt stand bei sieben Grad im Kühlschrank.</p>



<p>Im Lichtschein des Wohnzimmers erkannte sie die handbreite rotschwärzliche Spur, die sich vom Türrahmen in den Raum zog. Als Smilla verstand, was hier passiert war, war es zu spät für eine geistesgegenwärtige Reaktion. Die Spur endete unter Toms Kopf, der am Boden lag und in dem hinten ein großes Loch klaffte. Die Knochen- und Hirnmasse, die dort fehlte, verteilte sich etwa zu gleichen Teilen im Flur, unter ihren Füßen und in der Schleifspur. Jemand hatte den toten Körper ins Wohnzimmer gezogen. Smilla presste sich die Hand vor den Mund und ließ ihren Blick über Toms Körper bis zu seinen Schuhen wandern. Dann sah sie ihn. Seelenruhig in der Ecke sitzend.</p>



<p>„Du bist es“, sagte Smilla leise. Sie versuchte mit den Händen ihre Nacktheit zu bedecken.</p>



<p>„Ja, &#8230; ich bin es.“</p>



<p>Der Killer roch an dem Glas Scotch, das er in seiner Handfläche zur perfekten Genusstemperatur anwärmte. Er sog gierig das Gemisch der Gerüche auf, welcher sich aus dem Schwenker in seiner Hand, Toms Gehirn auf dem Boden und Smillas Angst, die ihre Achselhöhlen ausdünsteten, zusammensetzte. Er sah sie an und entschied, dass es ihm noch nicht gut genug schmeckte.</p>



<p>Die Zunge glitt langsam über seine Lippen und er verspürte Lust auf eine Nuance mehr Panik.</p>



<p>Als Smilla den Lauf auf ihre Brust gerichtet sah und dazu den stehenden Rauch wahrnahm, den Toms schädelbrechendes Projektil in der Luft hinterlassen hatte, gesellte sich in ihrem Körper schlagartig ein Stoß Cortisol zu ihrem Schweiß. Der Killer bekam, was er wollte. Den Duft ihrer Todesangst.</p>



<p>„Warte, Warte“, flehte Smilla Petersen.</p>



<p>„Du hast genau einen Versuch, mich davon abzuhalten, dich auf der Stelle umzulegen“, zischte die Gestalt hinter der Kanone. Einige totenstille Sekunden vergingen, dann zerriss das klackende Spannen des Hahnes den Moment und kündigte Smillas Ableben an.</p>



<p>Sie setzte alles auf eine Karte.</p>



<p>&#8230; „Ich bin schwanger!&#8230;!&#8230;!“</p>



<p>Der Killer ließ sie keine Sekunde aus den Augen, er wusste, dass sie irgendwo eine Waffe an sich versteckt hatte und keine Sekunde zögern würde, diese auch einzusetzen.</p>



<p>„Einen Scheiß bist du. Wer ist die Pfeife?“ Er zeigte auf die Leiche zu seinen Füßen.</p>



<p>„Tom!“, antwortete sie. „Ich habe ihn im Metropolis abgeschleppt, wir wollten gerade ein bisschen Spaß haben, wie du siehst.“ Smilla blickte lasziv an ihrem nackten Körper herab, ohne sich zu bewegen. Sie musste sich etwas einfallen lassen, wenn sie die nächsten Minuten überleben wollte und ging ihre Optionen durch. Ihre einzige Chance war das Rasiermesser, das sich unter dem Schweiß, den sie absonderte, langsam aus ihrer Kniekehle ablöste.</p>



<p>In dem Moment schnellte die Gestalt aus dem Schaukelstuhl hoch. Smilla sprang ihm blitzschnell entgegen, direkt in den Arm, schlang ihre Beine um seine Hüfte und konnte ihn, zum einen auf den Schaukelstuhl zurückwerfen und zum anderen das Rasiermesser aus ihrer Kniekehle greifen. Die Arme und Hände der beiden Killer rangelten einige Augenblicke um die Oberhand, als Smilla den Schalldämpfer der Pistole an ihrer Schläfe spürte und zeitgleich das Rasiermesser in ihrer Hand an seiner Kehle lag. Beide verharrten in der Aktion und fanden sich Auge in Auge gegenüber, keiner in der Lage den anderen zu töten, ohne selbst dabei draufzugehen. Der Stuhl mit den Beiden darauf schaukelte langsam aus wie ein ablaufender Countdown. Die stickige Luft vibrierte förmlich, bis er endlich herauspresste: „Und jetzt?“ &#8211; „Du willst wissen, was jetzt passiert?“, flüsterte sie.</p>



<p>„Ganz genau, das will ich!“</p>



<p>Smilla spannte ihre Oberschenkel und drückte sich ganz langsam hoch, ohne die Klinge von seinem Hals zu nehmen. Mit der freien Hand griff sie unter sich und öffnete seine Hose. Geschickt griff sie hinein und ließ sich langsam auf ihn sinken. Er rollte überwältigt die Augen und warf seinen Kopf in den Nacken. Die Pistole sank mitsamt seiner Hand nach unten, als er schwer atmend sagte: „Du kleines schizophrenes Miststück.“ Wenige wilde Minuten später sprang Smilla lachend von seinem Schoß. „Lass uns die Sauerei wegräumen, Henry. Ich wohne hier.“</p>



<p>Das Telefonat am nächsten Vormittag: „Ja, was gibt&#8217;s, Chef?“ &#8211; „Am Rheinufer ist eine männliche Leiche abgelegt worden. Kopfschuss. Todeszeitpunkt wahrscheinlich gestern Abend. Der Fundort ist nicht der Tatort. Ich schicke Ihnen die Infos und den Fundort auf Ihr Handy. Ihr Fall, Frau Petersen. Klären Sie zur Abwechslung mal einen auf. Viel Erfolg!“ Der Polizeirat legte auf.</p>



<p>Ann Smilla schaltete ihr Handy auf Spiegelfunktion und zog sich den Lippenstift nach. Seit sie sich in Henry verliebt hatte und, anstatt den Serienmörder zu verhaften, selbst zu morden begann, wusste die Hauptkommissarin, dass sie krank und es nur eine Frage der Zeit war. Eine Frage der Zeit, bis die beiden enden würden, wie Bonnie und Clyde. Aber sie konnte ihm einfach nicht widerstehen. Dem unvorhersehbaren Spiel mit Henry, der sie jederzeit umlegen konnte. Diesem irrwitzigen Gefühlscocktail aus Macht, Leidenschaft und Todesangst. </p>



<p>Dem unfassbaren Thrill.</p>
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		<title>Schschsch&#8230;Die Stille nach Dir</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 06 Jun 2025 09:47:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Emotionales]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Menschliches]]></category>
		<category><![CDATA[Nachdenkliches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wie lange hatte ich Tessa wohl nicht gesehen? Sicher sechs Monate. Seit sie beruflich mit Leoni nach Frankfurt gezogen war,</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Wie lange hatte ich Tessa wohl nicht gesehen? Sicher sechs Monate. Seit sie beruflich mit Leoni nach Frankfurt gezogen war, gab es die Gelegenheiten meine beste Freundin zu treffen nicht mehr so häufig. Umso überraschter schaute ich aus der Wäsche, als sie am späten Abend plötzlich vor der Tür stand. Ihr energisches Klopfen an der Terrassentür holte mich langsam zurück aus meinem Schlaf auf dem Sofa, in den mich meine derzeit favorisierte Netflix-Serie gezogen hatte. Wie so oft, nach einem harten Arbeitstag und der anschließenden Ausfüllung meiner Rolle als gute Hausfrau, Ehefrau und Mutter.</p>



<p>Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass es Tessa war, die mit zerzaustem Haar und ihren großen grünen Augen durch die Scheibe winkte. Diese Traumaugen unter den langen Wimpern, die so unwiderstehlich auf Männer wirkten und um die ich sie schon als Teenager beneidet hatte. Glück in der Liebe brachten sie ihr bisher nicht, Tessa zog Leoni allein groß. Ich formte leise fragend das Wort „TESSA?“ mit den Lippen, um meine Kinder nicht zu wecken. Ich sprang zur Tür und öffnete mehr oder weniger baff das Schiebeelement.</p>



<p>Tessa und ich fielen uns überwältigt in die Arme und verdrückten ein paar Tränchen der Wiedersehensfreude, bevor wir uns wieder fassten und ich sie hereinzog.</p>



<p>„Mensch Tessa, was machst du denn hier? Ich verstehe gar nichts mehr. Wieso hast du denn nicht angerufen? Wie spät ist es überhaupt?“ Ich überzog sie mit viel zu vielen hastigen Fragen.</p>



<p>„Schschschschsch!“ Sie lächelte und drückte mir sanft ihre Fingerspitzen auf die Lippen, bis ich mich wieder gefangen hatte. Das war ihre Geste, um mich zu beruhigen. Schon immer.</p>



<p>Ihre Finger auf meinen Lippen vor der Abi Prüfung.</p>



<p>Ihre Finger auf meinen Lippen vor meiner Hochzeit.</p>



<p>Ihre Finger auf meinen Lippen vor der Geburt meines ersten Kindes.</p>



<p>„Schschschschsch, ruhig Lina, ruhig.“ Und dann sortierte sie meine Gedanken in jeder Krise mit eindringlichen Worten richtig ein, damit ich alle Schwierigkeiten mit Bravour meisterte. Nur sie konnte sich auf die Frequenz meines rasenden Pulses legen und ihn mit einem Bremsfallschirm, aufgepustet mit dem Laut:</p>



<p>„<strong>Schschschschsch</strong>“</p>



<p>wieder auf Schrittgeschwindigkeit verlangsamen.</p>



<p>„Es ist zehn Uhr abends, Lina. Entschuldige, dass ich dich erschreckt habe, Süße“, hauchte sie.</p>



<p>„Nein, nein, alles gut“, erwiderte ich, „Ist etwas passiert, was machst du denn hier?“</p>



<p>„Ich hatte plötzlich so eine Sehnsucht nach dir, Lina. Ich musste dich unbedingt sehen.“</p>



<p>„Ach Tessa“, ich fing an zu weinen, „Ich habe dich auch so vermisst, ich freue mich so sehr, dich zu sehen.“ Sie nahm mich nochmal in den Arm. „Weißt du was“, sagte ich, „Ich schenke uns ein Glas Wein ein. Ich habe dir so viel zu erzählen. Bernd ist auf Nachtschicht und die Kinder haben morgen erst zur zweiten Stunde Schule.“ Ich legte kurz meine Handfläche auf ihre Wange, sie ließ ihren Kopf in sie hinein sinken.</p>



<p>Auf dem Weg in die Küche hörte ich sie sagen „Warte, bleib“, doch ich plapperte weiter.</p>



<p>„Du bist so klasse, Tessa. Einfach so den weiten Weg nach Berlin zu kommen.“ Mittlerweile stand ich in der Küche vor dem offenen Kühlschrank und rief hinein: „Wo ist Leoni?“</p>



<p>„Darum bin ich auch hier!“, hörte ich sie aus der Ferne des Wohnzimmers rufen.</p>



<p>„Moment, ich komme“, rief ich zurück und zog die Flasche Weißwein heraus, „Ich höre dich hier so schlecht. Holst du schon mal zwei Gläser raus?“ Ich schlug den Kühlschrank zu und machte mich auf den Weg zurück zu Tessa ins Wohnzimmer. Sie gab mir keine Antwort und so redete ich weiter, während ich den Flur hinunterlief. „Ich muss dir unbedingt von den Kindern erzählen, ach Jeh die Kinder.“ Ich schraubte meine Stimme herunter. Mit den Worten: „Ich hatte ganz vergessen, dass die Jungs oben schlafen“, kam ich leise kichernd zurück ins Wohnzimmer.</p>



<p>„Tessa?“, ich sah mich um, der Raum war leer. „Tessa?“ Leise klopfte ich an der Tür des Gäste WCs. Nichts. So sehr ich sie auch suchte, Tessa war nicht mehr da. Auch im Garten, durch den sie gekommen war, keine Spur von meiner besten Freundin, die ich seit dem Kindergarten liebte wie eine Schwester. Eine Weile saß ich gedankenverloren da, wusste nicht so recht, wie lange es her war, dass ich aufwachte. Mir kam die Idee sie anzurufen, um zu fragen, warum sie wortlos wieder gegangen ist. Hatte ich irgendetwas falsches gesagt? Dreimal ließ ich es lange klingeln, ohne dass Tessa meinen Anruf auf ihrem Handy entgegennahm. Wo war sie nur hin? Ich überlegte krampfhaft, was der Grund für ihren abrupten Aufbruch gewesen sein könnte, obwohl sie erst wenige Minuten zuvor gekommen war. Nach einer spontanen Anreise von sechshundert Kilometern. Mir fiel gerade ein, dass sie als letztes sagte, sie sei auch wegen Leoni gekommen, als plötzlich mein Handy schellte. Der Klingelton, der auf meinem Handy nur ihr gehörte. <em>That&#8217;s What Friends Are For</em>. Auf dem Display leuchtete der Name: Tessa Maiwald. Ich riss das Telefon ans Ohr. „Tessa, wo bist du? Was habe ich gesagt? Was&#8230;“</p>



<p>Eine ruhige Frauenstimme unterbrach mich. Dieses Mal nicht mit den Worten „Schschschsch, Lina beruhige dich“, sondern mit einem sachlichen: „Lina Minster? Sind Sie Lina Minster?“</p>



<p>„Ähh, ja, wer sind Sie?“, antwortete ich konsterniert, „Wieso haben Sie Tessas Handy? Wo ist Tessa? Was haben Sie mit ihr gemacht?“ Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf.</p>



<p>„Lina, hören Sie. Mein Name ist Beate Brunner, ich bin Unfallärztin.“</p>



<p>Mir blieb die Luft weg.</p>



<p>„Wir haben Tessa hier bei uns in der Klinik. Sie hatte einen Autounfall.“</p>



<p>„Was ist passiert“, stammelte ich. „Wie geht es ihr? Sie war soeben noch bei mir. Ich komme sofort, Frau Doktor! Liegt sie in der Charité?“</p>



<p>„Lina, Lina, hören Sie. Ich rufe aus dem Klinikum Frankfurt an. Es tut mir sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Tessa vor dreißig Minuten den Folgen ihrer Verletzungen erlegen ist. Normalerweise hätte ich gar nicht zurückgerufen, aber Tessa hat zuletzt immer wieder gesagt: ‚Leoni muss zu Lina, versprechen Sie mir, dass Sie sich darum kümmern.‘ Und eine halbe Stunde später rufen genau Sie dreimal auf Tessas Handy hier an. Lina stand auf dem Display. Es tut mir unendlich leid. Wissen Sie, was Tessa wollte?“</p>



<p>Ich schluckte gegen den Kloß an, der mir die Luftröhre zudrückte. „Ich weiß es, Frau Doktor. Ich kann gerade nicht sprechen.“</p>



<p>Dann brach ich zusammen.</p>



<p>Drei Tage später stand sie vor meiner Tür mit ihrem Köfferchen. Das kleine Mädchen mit den großen grünen Augen und den langen Wimpern. Sie schluchzte verunsichert. Ich legte meine Fingerspitzen auf ihre Lippen und sagte leise: „Schschschsch, ruhig Leoni, beruhige dich. Ich bin für dich da.“</p>



<p>Sie blickte zu mir auf und ließ vorsichtig ihre Wange in meine Handfläche sinken.</p>
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		<title>Der dürre Rücken</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 May 2025 09:31:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Nachdenkliches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Am Ende mussten wir ihn einsperren und fernhalten von Bibliotheken, Buchhandlungen, Archiven. Zu groß war die Macht, die er besaß.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/der-duerre-ruecken/">Der dürre Rücken</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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<p>Am Ende mussten wir ihn einsperren und fernhalten von Bibliotheken, Buchhandlungen, Archiven. Zu groß war die Macht, die er besaß. Da er weder über eine Sprache noch über Papiere verfügte, gingen wir davon aus, dass er extraterrestrisch sein musste.</p>



<p>Was hatten wir Menschen über Jahrhunderte unseren imaginären Literatur-Helden für Kräfte angedichtet. Viele waren nicht mehr übrig, denn die wahre Kraft war seine. Er hatte unsere Helden gegessen. Er nährte sich von Literatur. Die größte Macht, die es je gab auf Erden. Was er las, verschwand aus den Büchern und konnte auch nicht mehr neu aufgeschrieben werden.</p>



<p>Er begann einen Raubzug auf die gesammelten Werke der Menschheit. Selbst Schrift von Monitoren fütterte ihn, was ihm online den größten Gabentisch bescherte, den man sich vorstellen konnte. Anfangs hatte er keinen großen Hunger. Zunächst ein Buchstabe aus Hamlet, am nächsten Tag zwei. Sein Appetit wuchs schnell und nach ein paar Tagen war Shakespeare vertilgt. Unwiederbringlich. </p>



<p>Verblüffte Menschen meldeten sich immer öfter, dass ihre Ausgaben von „Romeo und Julia&#8220;, „Don Quijote&#8220; und „Der Sturm&#8220; nur noch leeres Papier enthielten, bis die ersten Behörden aufmerksam wurden.</p>



<p>Dafoe, Dante, Schiller, ihm schmeckte alles. Als Landes- und Nationalbibliotheken die Verluste bestätigten, wussten wir noch nicht einmal, wie die Texte aus den Büchern verschwanden. Was wir wussten, war, dass mehr und mehr Niedergeschriebenes verloren ging. Alle Bücher und Datenträger leerten sich in exponentiell zunehmender Geschwindigkeit. Dabei machte er auch vor Fachliteratur nicht halt. Das Haber-Bosch-Verfahren mundete ihm ebenso wie Cinderella und die Unabhängigkeitserklärung.</p>



<p>Hastig gegründete Expertenteams versuchten alles aus dem Gedächtnis erneut niederzuschreiben. Leider vergeblich. Sobald der Cursor auf die nächste Stelle sprang, verschwand der soeben getippte Buchstabe wieder. Auch handschriftlich liefen die Bemühungen ins Leere. Als ob ein unsichtbarer Tintenkiller jedem Schreibstift auf seiner Linie hinterher jagte. Bei Sprachaufnahmen und Fotografien von Texten lief es ähnlich ab. </p>



<p>Innerhalb weniger Generationen würde das meiste Wissen aus den Gedächtnissen gelöscht sein. Sein Hunger wurde unermesslich.</p>



<p>Autoren bildeten verzweifelt eine Gegenbewegung und schrieben massenweise neue Geschichten. Nur ganz wenige ließen sich auf Papier oder den Monitor bringen. Auch wenn die Sätze anders formuliert waren, funktionierte es nur, wenn es eine neue Idee war. Ein Plot, den es schon gab, nährte sein hungriges Maul sofort. Wissenschaftliche Arbeiten waren damit nicht einmal mehr einen Rettungsversuch wert.</p>



<p>Der dünne Kerl fiel als erstes einer Philosophiestudentin in Pennsylvania auf, die lieber beobachtete als studierte und zufällig in der Universitätsbibliothek hinter ihm saß. Die Worte und Sätze ver- schwanden in der Leserichtung, die die jeweilige Sprache vorgab, nachdem sein Blick über sie glitt. Rasend schnell wie ein Cursor, der durch die gedrückt gehaltene Entfernen-Taste die Buchstaben aufsaugte, wie ein schwarzes Loch es mit Materie tat. Er tauchte auf der ganzen Welt auf und wurde von den Kameras der Bibliotheken, Museen und Internetcafés aufgenommen. Ein dürrer Rücken vor Buchstaben, die verschwanden, sobald er sie ins Auge fasste.</p>



<p>Wir nahmen ihn letztendlich ohne Gegenwehr in der „British Library“ fest. Da hatte er neben tausenden Werken Trivialliteratur bereits Platon, Mark Aurel, Wolfram von Eschenbach, Voltaire, Lessing, Grimm und vieles mehr verspeist, ohne sichtbar zuzunehmen. </p>



<p>Nun saß das hagere Bürschlein in dieser Zelle, die den höchsten Sicherheitsanforderungen entsprach und wurde von uns eingeordnet. Eine Kreatur, die es auf der Erde nicht geben konnte. Sein Gesicht gewann nur schwache Kontur in der Bewegung. Sobald es verharrte, wurde es unscharf. Somit ließ es sich nicht fotografieren für irgendeine Akte. Eines Morgens war er nicht mehr da. Einfach gegangen, ohne dass wir es bemerkt hatten oder verhindern konnten. Er muss durch die Wand verschwunden sein. Hunger trieb ihn weiter. </p>



<p>Als Bibel, Koran, Talmud und die anderen heiligen Schriften entleert waren, liefen Staaten und Religionen Amok. Sie beschuldigten sich gegenseitig der Sabotage. Kriege brachen aus. Der dürre Mann hatte alles gefressen, was unsere Werte und Erkenntnisse beschrieb.</p>



<p>Auf seinem Weg nach Hause, verspeiste er den letzten Snack. Die Arecibo-Botschaft, die von einem Radioteleskop in Puerto Rico 1974 ins All gesendet wurde. Binär codierte Informationen über unsere Biologie, Population und Herkunft. </p>



<p>Wenige Wochen zuvor erst hatte sie den dürren Rücken erreicht und neugierig gemacht. Seine Erscheinung verschwand so schnell aus unserem Gedächtnis, wie die Literatur, die er sich einverleibte. Alles Wissen der Menschheit versickerte in wenigen Generationen im Boden.</p>



<p>Der Boden, in den die letzten Wissenden nach und nach beerdigt werden mussten.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://stephan-heider.de/der-duerre-ruecken/">Der dürre Rücken</a> erschien zuerst auf <a href="https://stephan-heider.de">Stephan Heider</a>.</p>
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