Hannah
Ihre Seele ächzte unter der Last dieses Fehlers, den sie vor sechzehn Jahren gemacht hatte. Sie stützte tapfer ihre Mutter, deren Körper unter den Weinkrämpfen bebte, so wie jedes Jahr an diesem Ort.
„Geboren um zu Leben“ sang der Graf vom Band und schnitt damit gnadenlos die fragile Schutzhaut von der seelischen Wunde, die niemals heilen würde. In den ersten drei Jahren kam er noch persönlich zur Trauerfeier, um bei den Angehörigen zu sein. Es war ihm eine Herzensangelegenheit.
Die Gedenkstätte mit Hannahs Namen und denen der anderen Opfer war herausragend gepflegt. Niemals würden die Eltern und Geschwister sie aufgeben, auch wenn die Stadt sich noch so sehr bemühte, den Hinterbliebenen einen anderen Ort schmackhaft zu machen, um endlich mit der Bebauung des ansonsten herunter gekommenen Geländes zu beginnen.
Hannah und Katrin, die Zwillinge, hätten in diesem Jahr ausgelassen ihren vierunddreißigsten Geburtstag gefeiert. Wenn Hannah nicht tot wäre. Erdrückt am Fuße dieser Treppe.
Eigentlich war Hannah die Vernünftige der beiden und Katrin das verrückte Huhn, das nur Unfug im Kopf hatte. Wie konnte das Schicksal so grausam sein, dass ausgerechnet Katrin Kopfschmerzen hatte, am 24. Juli 2010.
Wäre es andersherum gewesen, würden beide Mädchen noch leben, denn niemals hätte ihre Mutter Katrin allein zur Loveparade gehen lassen. Aber bei Hannah gab es keinen Grund nein zu sagen, sie war die Vernunft in Person.
Seit Hannahs Tod hatte sich das geändert.
„Ach Katrin“, sagte ihre Mutter irgendwann einmal, „Du bist so schnell erwachsen geworden. Kaum wieder zu erkennen. Aus dem unzähmbaren Teenie ist über Nacht eine grundvernünftige und umsichtige Frau geworden. Das hätte ich nie erwartet. Es tut mir so leid, dass es so gekommen ist.“
Wie sollte Hannah jemals ihrer Mutter erklären, dass sie vor sechzehn Jahren, am Morgen des 24. Juli die Rollen mit Katrin getauscht hatte, weil sie sie darum gebeten hatte. Katrin wollte doch so gerne zur Loveparade.
Als sie es ihr kurz nach dem Unglück gebeichtet hatte, erlitt ihre Mutter eine Hirnblutung, der ein mehrwöchiges Koma und eine monatelange Rekonvaleszenz folgten. An die Stunden vor der Hirnblutung und Hannahs Geständnis konnte sie sich danach nicht mehr erinnern.
Immer wenn ihre Mutter sie lange nachdenklich ansah, betete Hannah inständig, dass es für immer so blieb.
