In meiner Hand
Milos Fingerspitzen lagen entspannt auf dem, von Flöten und Geigen gekitzelten Paukenfell. Sie tasteten Ennio Morricones „Once Upon a Time in America“, das leise aus dem Lautsprecher in der umgebauten Trommel klang.
Das selbstgebaute Konstrukt sorgte dafür, dass Milos die Musik fühlen und sich mental aus der Jetzt-Welt nehmen konnte.
Seine linke Hand lag bewegungslos zu seinen Füßen unterhalb des Lehnstuhls. Mit ihr am Arm wollte es ihm nicht gelingen in Verbindung mit seiner Erinnerung zu treten. Genau aus diesem Grund hatte er sie sich vor einer Stunde abgenommen und achtlos hingeschmissen, ohne mit der Wimper zu zucken. Er sah auf den rosafarbenen Stumpf am Ende seines Arms und dachte nach.
Die Klassifizierung auf der berühmten persönlichen Skala von eins „belanglos“ bis zehn „undenkbar“ fiel bei der Frage
„Wie empfindest du das Töten von Lebewesen?“
vielen Menschen leicht, solange es sich um möglichst kleine und eklige Insekten handelte. Die unbarmherzige Ausrottung von Wespen oder Spinnen auf Knopfdruck war ihm als reizvolle Idee mancher Phobiker auch schon zu Ohren gekommen. Auf der Stufe Eins die Schädlinge. Ein emotionsfreies Kinderspiel sie zu zerquetschen. Und auf der Stufe Zehn die Menschen. Undenkbar, einem von ihnen das Leben zu nehmen.
Milos fragte sich, woher der Irrglaube kam und dachte über den Moment nach, als sich seine persönliche Werte-Skala von jetzt auf gleich umgekehrt hatte.
Der Moment als Amelie ihm vom Arm gerissen wurde, lag seinem Gedächtnis nur als schwarz gefärbter Piepton vor. Die Bilder endeten kurz vor der Explosion und setzten erst wieder im Krankenhaus ein.
Ihre kleine Kinderhand in Seiner kehrte als Phantomgefühl zurück, sobald er sich in diese Ruhe begab. Die Plastikhand, die sie ihm angestückelt hatten, konnte er in diesem Moment weiß Gott nicht gebrauchen.
Tröstlich, dass Amelie die Hand ihres Vaters hielt und mitnahm, als sie starb. Das Phantomgefühl war für ihn vielleicht sogar intensiver und verblasste nicht im Laufe der Zeit. Das konnte nur ein Gehirn leisten. Keine Hand konnte das. Keine Hand, die an ihm geblieben wäre und nie wieder etwas anderes hätte anfassen dürfen, um die letzte Berührung seines kleinen Mädchens zu konservieren.
Deshalb war er mit der Prothese im Reinen.
Judith kam von links ins Wohnzimmer, die Seite auf der Milos taub war. Das Gehör war ihm mit seiner Hand weggesprengt worden, als Amelie auf die Landmine trat.
Judith lächelte mitfühlend, als sie hinter dem Lehnstuhl um ihren Lebensgefährten herumging und ihm leise ins gute Ohr flüsterte:
„Gehst du wieder mit Amelie spazieren?“
Milos lächelte die Frau, die seine Werte-Skala wieder auf zehn für alles Leben justierte, liebevoll an.
Dann sah der alt gewordene Mann wieder auf den Armstumpf, an dem er die Hand seiner Tochter immer noch genau so fühlen konnte, wie in ihrem letzten Moment vor drei Jahrzehnten.
Lebendig – Warm – Vereint.
Das Gefühl, dass ihn seither Tag für Tag am leben hielt.
„Ja, so wie jeden Abend“, antwortete er.
Seine Stimme klang mild.

Vielen Dank, liebe Petra 😌
Stephan das berührt Herz und Ssele…..Danke