TREU

Boris wollte nicht glauben, dass er gerade starb. Es tat zunächst nicht weh, fühlte sich aber unumkehrbar an.
Vor zehn Sekunden noch lag dieser Moment Jahrzehnte entfernt in der Zukunft.

Sein Leben lief perfekt am oberen Ende der Nahrungskette in einer mafiösen Struktur. Loyale Mitarbeiter und eine Frau, die ihm ergeben war. Auf seinem Weg hierher hatte er sehr viele Hindernisse aus dem Weg räumen müssen.


Vor wenigen Augenblicken noch genoss er ein Glas Weißwein zum Risotto und feilte an einer neuerlichen Ausrede für seine Gattin Gloria, die er achtlos einmal zuviel betrogen und zu häufig gedemütigt hatte.

Niemals hatte er erwartet, dass sein überhebliches Gefühl der absoluten Sicherheit gerade von ihr mit einem Hieb ad absurdum geführt werden könnte. In seinem hermetisch abgeriegelten Haus, in dem man von außen keinen Zugriff auf ihn hatte. Darauf legte er allergrößten Wert. Ließ es sich Unsummen kosten.

Völlig perplex, wie von einem durchdonnernden ICE beim unerlaubten Überqueren der Gleise eines Regionalbahnhofs überrascht, lag er nun auf dem Teppich und schnaufte Blut in das schlotzige Reisgericht.

Sein Schädel dröhnte, schließlich war er gerade eingeschlagen worden.

Auf der ihm zugewandten Wand ihres gemeinsamen Wohnzimmers sah er im Schatten der Stehlampe eine weibliche Silhouette im kurzen Kleid mühevoll die wertvolle Bronzeskulptur seines geliebten Stafford „Bullet“ in die Höhe stemmen.
Jener Bullet, der soeben schon einen tiefen Abdruck seines metallenen Hundeschädels in Boris Kopf hinterlassen hatte.

So nah war er seinem treuen Hund selbst zu Lebzeiten des Vierbeiners nicht gekommen.


Durch Nebel in ein weites Weiß blickend sah Boris das Schattentheater, in dessen exklusiver Freakshow das Abbild des verdammten Köters in Glorias Händen immer wieder tief in einen länglichen Haufen Fleisch und Knochen herabschnellte.

Dieser zuckende Haufen war er. Das begriff Boris nun schmerzlich, während sein Körper dutzendfach vom Corpus Delikti getroffen wurde.

Gloria nahm sich ihre Genugtuung für die Jahre der Erniedrigung, die sie Boris verdankte. Kurz nachdem sie lächelnd das Risotto serviert hatte.


Fast zynisch peitschte gerade kraftvoll der Walkürenritt aus den sündhaft teuren Bowers & Wilkins Lautsprechern ihre rasende Wut auf den wehenden Mähnen der akustischen Pferdenacken unaufhaltsam voran.

Boris hatte sich Wagner zum Essen aufgelegt, natürlich ganz „en Vogue“ auf Vinyl.

„Der Schatten bleibt immer farblos“, dachte Boris, während er sich beim Sterben zusah.


Bisher geschah Ableben für ihn meist in sattem Rot. Das Rot aus den Körpern seiner Konkurrenten.

In einem ruchlosen Leben hatte Boris auf seinem Weg nach ganz oben schon sehr viel davon gesehen.

Er selbst starb unbedeutend trist in Schwarz-Weiß.