DOWN
Worte plätscherten unverständlich, wie ein grauer Regen, auf seinen gekrümmten Körper in der Bahnhofshalle. In seiner Lautstärke zunehmend, schnitt sich ein Name durch den diffusen Wortnebel in seinen hämmernden Schädel, der unter dem Druck des Geschehenen zu bersten drohte.
Es war sein Name. „Fabio… Fabio… Fabio…!“
Dann war er schmerzfrei. Saß auf der Bank, die er so liebte. Der Sommernachmittag im Hochmoor war traumhaft schön und seine nackten Zehen spielten mit dem warmen Holz des Wandersteges, der sich an dieser Stelle gabelte. Der grazile Fuß Isabellas, die neben ihm saß, kitzelte mit seinen rot lackierten Nägeln an seiner Wade.
Isabella, dieses wunderbare Geschöpf aus Schönheit und Selbstzweifeln. Sie war auf einem guten Weg das zweite Bein auf den Boden des Lebens zu bringen. Die Heidepflanzen leuchteten farbenfroh, wie ein weicher Teppich aus Glückseligkeit.
„Fabio… Fabio…!“ Warum weinte Isabella? Wieder stachen die Schmerzen in seinen Kopf und die Kälte der harten Fliesen kroch in ihn hinein, um seinen Körper unrhythmisch zu schütteln. Hektisch gerufene Fragmente drangen zu ihm durch.
„Legt ihm doch eine Decke…“,
„Wo sind die feigen Schweine“,
„Verdammt, wo bleibt denn der Rettungswagen?“
Er erinnerte sich, dass ihn etwas traf und er zu Boden ging. Warum nur war er mit Isabella am Bahnhof. Oh Gott. Die schweren Stiefel. Der behinderte Junge. Der Spott.
Ja, sie wollten Isabellas Schwester abholen, die aus ihrem Auslandsjahr zurückkam. Ansonsten würden sie sich doch nie in der Bahnhofshalle aufhalten.
„Lass die Typen“,
Isabella hatte Angst.
„Das sind doch nur Kids“, erinnerte er sich an seine beruhigenden Worte.
Im Moor: Isabella drückte sich an ihn und zeigte auf die sinkende Sonne.
„Ich liebe dich, Fabio. Du hast mich erst zum Leben erweckt. Ohne dich, wäre ich total kaputt.“
Fabio sah sie lange an. Er lächelte, stand auf und lief über den Steg, den sie sonst nicht gingen. Der Steg, der nicht nach Hause führte. Er ging allein, ohne ihr anzubieten mitzukommen. Isabella sah ihm verloren nach.
Zitternd sah er in ihr verweintes Gesicht und wollte ihr zuflüstern, dass sie es allein schaffen würde. Sein Atem reichte nicht. Er las in ihren Augen, dass sie ihm noch etwas sagen wollte.
Fabio starb auf den Fliesen der Bahnhofshalle, weil er eine Gruppe Jugendliche zurechtgewiesen hatte, die einen jungen Mann mit Down-Syndrom umkreisten und verspotteten. Sie traten ihm ins Gesicht, als er bereits am Boden lag.
Der hilflose Schrei Isabellas schallt bis heute durch das Gebäude, wenn man nur genau hinhört. Manche sagen, es wäre nur der Wind, der durch die Ritzen pfeift.
Als Fabio jr. geboren wurde, war sein Vater bereits sechs Monate tot und seine Mörder zu geringen Strafen verurteilt. Er kam mit Trisomie 21 zur Welt. Und mit dem großen Herz seines Vaters.
Wenn Isabella ihn heute ansieht, denkt sie dankbar an die Bank im Hochmoor und den Teppich aus Glückseligkeit.
