DER SAND DER TRÄUME … Bello passt auf
Am nächsten Abend wartete Emil schon ganz hibbelig im Bett.
Die kleine silberne Dose stand auf seinem Nachttisch und glitzerte geheimnisvoll im Licht der Sternenlampe.
„Heute“, flüsterte Emil entschlossen, „möchte ich wissen, wie Bello sich fühlt.“
Bello war der Familienhund.
Ein wuscheliger brauner Mischling mit schiefen Ohren, einer feuchten Nase und der besonderen Fähigkeit, immer genau dort zu liegen, wo jemand gerade laufen wollte.
„Der schläft den ganzen Tag“, sagte Papa oft lachend.
Aber Emil war sich sicher: Bello musste nachts aufregende Geheimnisse erleben.
Also öffnete er vorsichtig die Dose.
Der goldene Schlafsand funkelte darin wie winzige Sterne.
Emil streute sich eine kleine Prise auf die Augenlider.
„Heute möchte ich Bello sein“, murmelte er schläfrig.
Kaum hatte er die Augen geschlossen, begann sein Bett zu schwanken wie ein kleines Boot.
Der Wind rauschte in seinen Ohren.
Und plötzlich…
…war alles anders.
Emil stand mitten im Wohnzimmer.
Aber irgendetwas stimmte nicht.
Der Tisch war riesengroß geworden.
Der Teppich sah aus wie ein Feld aus Wollgras.
Und warum roch plötzlich alles so unglaublich intensiv?
Emil schnupperte.
Er roch Kekse in der Küchenschublade.
Den Regen draußen auf der Straße.
Papas Schuhe im Flur.
Und sogar die Maus hinter der Wand.
„Wuff?“ machte Emil erschrocken.
Er blickte nach unten.
Pfoten!
Vier flauschige Hundepfoten!
Er wedelte aus Versehen mit dem Schwanz gegen die Kommode.
„Ich bin Bello!“ bellte er begeistert.
In diesem Moment hob Bello — also Emil — die Ohren.
Draußen!
Irgendetwas war draußen!
Er raste zur Haustür.
Jemand brauchte Hilfe.
Ohne zu wissen warum, wusste Emil es einfach.
Hundeherzen wissen solche Dinge manchmal.
Die Tür sprang auf und Emil flitzte hinaus in die Nacht.
Der Mond hing groß über den Dächern.
Der Wind trug tausend Gerüche durch die Straßen.
Und mitten dazwischen war ein Geruch, der Angst roch.
Emil folgte der Spur bis zum kleinen Park hinter der Schule.
Dort saß ein kleines Mädchen auf einer Schaukel und weinte leise.
Neben ihr lag ein umgestürzter Roller.
„Mamaaa…?“ schluchzte sie.
Das Mädchen hatte sich verlaufen.
Emil tappte vorsichtig näher.
Das Mädchen blickte auf.
„Bello?“
Emil wedelte freundlich.
Dann stupste er ihre Hand mit seiner Nase an.
Warme Nase bedeutete: Alles wird gut.
Das Mädchen lächelte vorsichtig.
„Kannst du mich nach Hause bringen?“
Emil bellte einmal.
Natürlich konnte er das.
Denn plötzlich wusste er genau, wo das Zuhause des Mädchens war.
Hunde wissen erstaunlich viel über Menschen.
Gemeinsam liefen sie durch die stillen Straßen.
Emil blieb immer dicht an ihrer Seite.
Als sie endlich um die Ecke bogen, sprang eine Frau erleichtert von einer Gartenmauer auf.
„Leni!“
Die Mutter lief ihrer Tochter entgegen und nahm sie fest in den Arm.
„Und Bello! Du lieber Himmel!“
Die Frau kraulte Emil hinter den Ohren.
Emil schloss glücklich die Augen.
Ohhh… Jetzt verstand er plötzlich alles.
Darum liebte Bello die Menschen so sehr.
Weil Hundeherzen riesengroß waren.
Und weil es das schönste Gefühl auf der Welt war, jemanden nach Hause zu bringen.
Langsam begann die Welt zu verschwimmen.
Der Mond wurde heller.
Die Stimmen leiser.
Und am nächsten Morgen wachte Emil in seinem Bett auf.
Bello lag schnarchend neben dem Bettkorb.
Emil setzte sich auf und betrachtete ihn lange.
Dann stand er auf, ging zu Bello hinüber und umarmte ihn fest.
„Du bist gar nicht faul“, sagte Emil leise. „Du passt einfach die ganze Zeit auf uns auf.“
Bello öffnete ein Auge.
Wedelte einmal müde mit dem Schwanz.
Und schlief weiter.
