…und voller Furcht wiegen die Ähren

Raimund: Es war das erste Mal seit dem Verschwinden der Mädchen, dass er wieder joggen ging. Noch bis vor drei Wochen hätte kein an sein Bein geketteter Güterzug, ihn von seiner geliebten Runde abhalten können. Er brauchte diese Zeit mit sich mindestens zwei Mal in der Woche, um den Kopf freizubekommen. Vor drei Wochen fuhr ihm der Güterzug mit neunzig Sachen über den Schädel und riss ihm die Seele heraus. Das Verschwinden seiner Tochter Kim und ihrer Freundin Lea schlug die Rationalität aus seinem Hirn, wie der Dreschflegel die Weizenkörner aus den Ähren nach der Ernte auf den weiten Feldern des Niederrheins. Die Gerstenfelder im Mai, saftig grün und sanft dem Wind schmeichelnd, wie ein samtiger Teppich. Heute lief er langsam hindurch und konnte fast wieder atmen, nachdem der nukleare Winter in seinem Kopf für eine Woche Standbild gesorgt hatte. Eine Woche Regungslosigkeit nach zehn Tagen Suche ohne Schlaf. Die Spur der Mädchen verlor sich vor dem Tanzclub in der Stadt, als ob sich der Erdboden aufgetan und sie zu sich genommen hätte. Da es keine Forderungen irgendwelcher Entführer gab, ging die Polizei zunächst einmal davon aus, dass die Mädchen sich abgesetzt hatten. Raimund glaubte das nicht. Seit Simones Tod waren er und Kim unzertrennlich. Sie hatte große Mühe den Tod ihrer Mutter zu verwinden und klammerte sich an ihren Vater, wie ein verängstigtes Kind, obwohl sie einundzwanzig Jahre alt war. Und jetzt war sie spurlos verschwunden. Was zur Hölle ist mit Kim und Lea passiert?

Lea vor drei Wochen: Es wurde Zeit, dass Lea ihrer Freundin Kim endlich von ihrem neuen Freund erzählte. Sie hatte es sich fest für heute Abend vorgenommen. Rein zufällig würde Checko heute Abend im Tanzschuppen sein. Ja, er hatte seinen Ruf als rücksichtsloser Frauenverschleißer, aber Lea fühlte, dass sie die Frau war, die Checko zähmen konnte. Irgendetwas war mal zwischen Kim und Checko gelaufen, das wusste Lea aus den vernichtenden Andeutungen Kims, die sie aber nie präzisierte. Zwischen verständnisvoller Freude und verzweifeltem Ausrasten war jede Reaktion Kims möglich. Seit dem Tod ihrer Mutter war sie nicht mehr dieselbe.

Raimund: Hunderte Male war Raimund an diesem Feld vorbeigejoggt. Das Feld vor Hennes Bruckschens Hof. Er kannte es gepflügt, gesät, mit den frischen Sprösslingen wie vor drei Wochen, im satten Grün wie heute, in reifem Gold mit hängenden Köpfen und im Spätsommer brutal gemäht und seiner Schönheit beraubt. Aber er kannte noch nicht, dass es ihm etwas erzählen wollte. Unruhig im Wind wiegend, wie Ozeanwellen kurz vor dem Brechen. Mit seinen langen Wimpern tanzend in einer Flut aus weichen Formationen, die nur ein Schwarm zu erschaffen vermag. Mehrere Minuten verweilte Raimund fast in einem tranceartigen Zustand und lauschte mit den Augen der visuellen Melodie des, ihm zunickenden und sich dann wieder abwendenden weichen Kissens aus flauschigen Halmen. Das alles hätte seine Aufmerksamkeit kaum erregt, obwohl es zweifellos traumhaft schön, aber ebenso trivial war. Aber an einem Fakt, nach dessen wissenschaftlichen Erklärung er nun rang, kam er einfach nicht vorbei.
Raimund stand vor einem Sommergerstenfeld, das sich schmerzvoll bog mit seinen Millionen einzelner Stängel und furchtsam mit seinen Ähren um Aufmerksamkeit winkte, an einem vollkommen windstillen Mainachmittag.

Kim: Die dunkelroten Ränder ihrer, von Kabelbindern eingeschnittenen Handgelenke brannten nicht mehr. Ihr Körper stellte sich auf das Sterben ein. Sie spürte die Nähe zu Mama. Die Spuren der verbrauchten Tränen in ihrem verschmutzten Gesicht waren längst getrocknet und ihre Todesangst verflogen. Sie war achtlos in diese kleine Kammer aus dunklem Scheunenholz geschubst worden, der Boden ausgelegt mit Stroh und die Decke mit landwirtschaftlichen Geräten behängt. Fünf Jahre hatte sie auf Checko Bruckschens Rache gewartet und schon fast damit gerechnet, dass sie ausbleiben könnte. Checko hatte sich Zeit genommen, sie fertig zu machen. Alles ganz genau geplant, Lea angebaggert, um an Kim heranzukommen. Er hat auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, bis sie sich sicher fühlte. Für das, was sie ihm angetan hatte, würde sie qualvoll verrecken. 

Kim hockte auf allen Vieren im Stroh und lachte heiser auf. Als sie anfing zu pubertieren hatte ihr Vater ihr den eventuell lebensrettenden Ultima Ratio Griff erklärt, den sie anwenden sollte, wenn sie jemand vergewaltigen oder noch schlimmeres antun wollte. „Kim, warte bis das Schwein sich die Hose aufgemacht hat. Dann musst du ruhig bleiben, ich verspreche dir du kommst aus der Situation heraus, wenn du nur ruhig bleibst. Gib ihm keinen Grund auf dich einzuschlagen. Sage ihm, dass du ihm hilfst und dich nicht wehrst, wenn er dich nicht schlägt. Dann greifst du langsam nach seinem Hoden, er wird denken, dass du ihn verwöhnen willst. Nimm das Prachtstück in die Hand und dann drehst du ihm die Eier um, so feste du kannst. Und Kim… du musst da alles an Gewalt reinlegen, was du hast. Wenn du das nur halbherzig machst, bist du tot.“ Als Kim vor fünf Jahren zu dieser Notwehr greifen musste, war Checko die Farbe so schnell aus dem Gesicht gefallen, wie seine Samenleiter abrissen. Seine Ohnmacht aus Vernichtungsschmerz folgte unmittelbar nach seinem markerschütternden Aufschrei. Kim verlor ihre Unschuld nicht, aber Checko seine Fruchtbarkeit. Sie hatte nie jemandem von diesem Vorfall im Gerstenfeld erzählt. In Checkos Lieblingsversteck mitten im Gerstenfeld, wo seit kurzer Zeit auch Leas Leiche verscharrt lag.

Raimund: Es klopfte heftig an der schweren Tür des Bruckschenhofes. Ein unnachgiebiges Gefühl zwang Raimund dazu, hier nach Kim zu suchen. Als Kim zwanzig Minuten später abgemagert und geschwächt, aber lebendig im Krankenwagen abtransportiert wurde, standen die Ähren des Gerstenfeldes wieder ruhig in der Stille des Nachmittags. Niemand wurde darauf aufmerksam gemacht, dass Raimund und Checko inmitten des Feldes noch eine Unterhaltung  führten, die für den gewalttätigen Bauernsohn schweigend endete. Schweigend, aber nicht tödlich. Dafür sorgte Simone, die zur rechten Zeit eine Brise durch die Ähren schickte, die Raimund daran erinnerte, dass Kim ihren Vater jetzt brauchen würde.