Stille Fahrt
Da stand es. Lea stieg auf ihr Fahrrad, so wie jeden Tag, um loszufahren und ihre Freunde und Familie um Verzeihung zu bitten.
Der Herbstwind fegte die braunen Locken kreuz und quer durch ihr Gesicht, während sie sich mühte, voranzukommen.
Gestern hatte niemand mit ihr gesprochen. Sie wollte nicht aufgeben, weil es ihr so elend weh tat. So weh, als hätte man ihr das Herz herausgerissen. Ihre beste Freundin Juliette stand am Rand der Straße an der Haltestelle, um den Schulbus in die Stadt zu nehmen.
„Jules, bitte rede doch mit mir. Es tut mir leid, ich wollte das doch nicht!“
Juliette starrte mit gesenktem Kopf ihren zu Boden fallenden Tränen hinterher.
„Verdammt nochmal, Lea. Warum hast du das getan? Ich hasse dich dafür.“ Juliette schluchzte und verlor augenscheinlich die Fassung, bevor Lea überhaupt ein weiteres Wort an sie richten konnte.
Sie merkte, dass sie bei ihrer besten Freundin heute nichts erreichen konnte und entschloss sich weiterzuradeln. Sie würde es morgen wieder versuchen. Der hübsche Teenager, den ihre Eltern gern Backfisch nannten, mitunter weil sie eine eklatante Ähnlichkeit mit einer berühmten deutschen Schwimmerin in jungen Jahren hatte und ebenso liebenswert kodderschnauzig war, glitt allmählich ab in eine lähmende Zeitträgheit.
Schon so oft hatte sie versucht ihren Fehler zu erklären, dass die Tageswiederholungen ihrer Mühen ihr vorkamen wie die letzte Reise eines alten Wals, der leise durch den Ozean irrte.
Als sie das Haus ihrer Eltern erreichte, lag die Sonne im Arm des Mittags. Der Hof schmiegte sich irreal schön in die Wogen der milden Hügel.
Ihre Mutter kochte allein hinter der Butzenscheibe, so wie es in Leas Erinnerung fest verankert war. Das Klopfen ignorierte die gekrümmte Frau. Mit steinerner Miene rührte sie abwesend in den dampfenden Töpfen.
Lea merkte, dass sie sich wieder einmal mit den Gedanken in einer ferneren, schöneren Welt aufhielt. Viel zu weit weg, um mit Lea zu sprechen. Die Depression zerrte sie so gut wie täglich dort hin.
„Schon gut, Mama. Ich komme morgen wieder.“
Die Sonne senkte sich hinter den Bäumen zur Nachtruhe, als Lea die Werkstatt ihres Vaters erreichte. Zu spät, um ein klärendes Gespräch mit ihm zu beginnen, zumal der Tischlermeister an der Drechselbank seinen Gehörschutz trug.
Lea hob vorsichtig die Hand und winkte ihm sanft zu, bevor sie ging. Ihr Vater achtete es nicht.
Lea fuhr weinend zurück und verzweifelte, dass sie es heute wieder nicht geschafft hatte, sich bei ihren Liebsten zu entschuldigen. Sich zu entschuldigen dafür, dass sie vor zwei Monaten weggegangen war, ohne sich zu verabschieden.
Sie lehnte das schneeweiße Fahrrad mit den vielen Blumen im Körbchen wieder an den Baum an der Landstraße. Dorthin, wo ihre Lieben es zu ihrem Gedenken hingestellt hatten, nachdem die Unfallstelle von der Polizei freigegeben worden war.
Lea ging und wusste, dass sie irgendwann loslassen und ihren Tod akzeptieren musste. Wenn ihre Lieben ihr verzeihen könnten, wäre es leichter für sie.
Für das Mädchen mit den braunen Locken und ihrem weißen Geisterrad.
