Praying Mantis
Die wilde Nummer mit Deborah hätte übel für ihn enden können. Das Biest war zuweilen wie eine Gottesanbeterin, die sich allzu gerne auch mal während des Aktes ihren Gespielen als Snack einverleibte. Natürlich nur metaphorisch – sie hätte ihn nicht wirklich verspeist, sie war ja keine Kannibalin.
Dennoch hing ihr der Ruf nach, ab und an im Liebesspiel auszurasten und mit dem Rasiermesser rumzufuchteln.
Seit der schöne Hank von tiefen Narben gezeichnet zum hässlichen Hank wurde, sprach man hinter vorgehaltener Hand von der geilen Psychopathin, vor der man sich hüten sollte.
Er zitterte noch einige Stunden, sie war furchteinflößend. Egal, irgendwas hatte er letzte Nacht wohl gut gemacht und schließlich war sie seine Chefin. Wenn sie rief, hatte er zu erscheinen und im besten Fall auch zu kommen.
Sie war eine Frau um die Fünfzig, hatte große Macht und ein noch größeres Ego. Und diese Spezies stand nun einmal an der Spitze in unserer momentanen Welt.
Er hatte gerade beruflich Fuß gefasst nach seinem Masterstudium in Gefühlslogik. Hatte einiges an Schulden angehäuft. So musste er wohl oder übel die ein oder andere Zuwendung des weiblichen Kollegiums über sich ergehen lassen, um im Job irgendwie voranzukommen. Auch wenn er es als widerwärtig empfand.
Schließlich war er von den alten Weibern abhängig, die lüstern auf junge Männerärsche starrten und vor keinem sexistischen oder zumindest anzüglichen Spruch Halt machten. Spieltest du ihr Spiel nicht mit, warst du schneller als Handwerker-Gehilfe tätig, als du ihre feistfetten brilliantberingten Grabschefinger von deinem Oberschenkel hättest schieben können.
Intuitives Denken und Handeln war nach dem Scheitern der rationalen Betrachtungen gerade der Game-Changer bei der Entscheidungsfindung in weltwichtigen Fragen.
Frauen hatten sich durch pragmatisches Handeln an die Top-Positionen manövriert, ihre weiblichen Netzwerke hochgezogen und weitestgehend die Welt der alten weißen Männer übernommen.
Kein Wunder nach dem maskulinen Kollektivversagen in den ersten Dekaden der Zweitausenderjahre.
Eine Katastrophe überholte die Andere und eitle Pfauen debattierten jede notwendige Entscheidung zunichte.
Ihr festgefahrenes Mantra:
Kritik ist die persönliche Absolution von Selbstkritik.
Eine wundervolle verantwortungsfreie Blase von Bedenkenträgern, aus der man prima und selbstgefällig dem Volke winken konnte.
Als er die Stimme des Lebkuchens in seinem Nacken spürte, zuckte er unwillkürlich zusammen. Abteilungsleiterin Shelley war unnatürlich gebräunt und die Farbtupfer in ihrem aufgedunsenen Antlitz taten ihr übriges, um auf die Assoziation, des von Kinderhand bemalten Lebkuchengesichtes zu kommen.
Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, während er gegen hochkommenden Mageninhalt anschluckte. Ihm war sofort klar, was sie wollte.
„Du, wir haben noch einiges zu besprechen, was unbedingt morgen vom Tisch sein muss. Wir machen das heute Abend in der Sauna. Da können wir auch prima relaxen nach dem harten Bürotag, klar?“
Es war eine rethorische Frage, deren Antwort Shelley nicht abwartete.
Migräne schoss ihm in den Schädel, als er hinter ihr her lief.
„Ach du Shelley, hat das nicht Zeit bis morgen, mir geht’s heute nicht so gut.“
„Deine Entscheidung“, zischte sie schnippisch. „Die Dinge werden heute erledigt, womöglich ziehe ich Matt aus der Abrechnung zu Rate. Überlege eh, ob er nicht der bessere Assistent für mich wäre. Das würde natürlich bedeuten, dass ich für dich keinen Job mehr habe.“
„Schon gut, Shelley“, erwiderte er kraftlos. „Ich nehme ein Aspirin, dann bin ich schon fit.“
Shelley grinste breit mit ihrem schneeweißen Jackett-Kronen Lachen, welches das schokoladenbraun gegerbte Gesicht absurd in eine wulstige Satteltasche mit zu großem Reißverschluss verwandelte.
Vier Stunden später stand er vor der Sauna. Acht unbeantwortete Anrufe Shelleys auf seinem Handy zeugten von ihrer ungeduldigen Geilheit.
Er wollte das nicht, hatte Tränen der Verzweiflung auf den Wangen.
Er wischte sie weg und trat durch die Tür in die Räumlichkeiten des Firmen – Spa – Bereiches.
Die Tür, hinter der sich im Verborgenen Erniedrigendes abspielte für die Handvoll junger Männer, die in dieser Festung weiblicher Mantiden einfach nur arbeiten wollten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
